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Brücken bauen – Visionen verrücken und stärken – Alternativen entwickeln

Zweite internationale Marxistisch-Feministische Konferenz, Wien, Akademie der Bildenden Künste (Atelierhaus), 7.-9. Oktober 2016

Die ersten internationale marxistisch-feministische Konferenz fand 2015 in Berlin statt. In ihrer Einleitung schrieben die Organisatorinnen:

„Vor mehr als 40 Jahren meldeten sich in vielen Ländern der Welt Feministinnen unter Marxisten zu Wort. Sie kritisierten den im damaligen Marxismus gebräuchlichen Arbeits- begriff und die Werttheorie, die Stellung zu Hausarbeit, zur Familie, zum Umgang miteinander und zur umgebenden Natur, zu Wirtschaft und zu Kriegen; sie entwarfen Zukunftsvorstellungen und erhoben ihre Stimmen im Verlangen nach Befreiung. Sie lösten leidenschaftliche Debatten aus – ihre Kritiken blieben nicht gänzlich ungehört. Aber ihre Arbeit, die sie in einem internationalen Maßstab unternommen hatten, ist noch lange nicht beendet. Für einige Jahrzehnte wurde es stiller um den feministischen Marxismus. Der von Krise zu Krise stolpernde Neoliberalismus hatte andere Fragen in den Brennpunkt gerückt“.

Die 2015 stattfindende Konferenz, deren Ziel es war die Fäden vergangener marxistisch-feministischer Forschung und politischer Arbeit wiederaufzunehmen, war – zur Überraschung der Organisatorinnen – ein großer Erfolg. Mehr als 500 Teilnehmerinnen (und nicht wenige Teilnehmer) verschiedener Generationen, wissenschaftlicher Disziplinen und Aktionsgruppen aus verschiedenen Ländern diskutierten in Workshops, Panels und bei Vorträgen. Die zweite Konferenz, so schlugen viele am Ende vor, solle versuchen noch vielfältiger zu werden, sie möge mehr Themen und verschiedene Formen marxistisch-feministischer Theorie und Praxis vorstellen. Wir haben uns diesen Vorschlag zu Herzen genommen und Feministinnen aus verschiedenen Teilen der Welt eingeladen, die unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, was marxistisch-feministische Theoriebildung und Praxis sein kann.

Angesichts der furchteinflößenden Situation, in der wir uns in dieser neoliberalen Welt befinden, angesichts der wachsenden Gewalt, wachsender faschistischer Bewegungen und zunehmenden Umweltzerstörungen, und vor allem angesichts der Schwäche alternativer Weltentwürfe und Bewegungen, denken wir, dass unsere Aufgabe eine doppelte ist: die marxistisch-feministische Theorie als ein Werkzeug gesellschaftlicher Transformation zu stärken und von anderen zu lernen, um unsere Perspektiven zu erweitern und unsere Visionen für eine Zukunft zu stärken, die wir nur in Zusammenarbeit mit anderen erreichen können.

Dank des Engagements, der Fähigkeiten und der schier unerschöpflichen Ressourcen der Wiener Frauen von Transform!Europe und ihrer vielen Freundinnen, Freunde, Unterstützer und Unterstützerinnen und dank der Großzügigkeit von Eva Blimlinger, der Rektorin der Akademie der Bildenden Künste, können wir die zweite Konferenz nun schon nach eineinhalb Jahren durchführen. Mit der Anzahl der Referentinnen haben sich auch die Länder, aus denen sie kommen, sowie die Forschungs- und Aktivitätsbereiche die sie vertreten, vervielfacht. Zwei Themenstränge ziehen sich durch die Konferenz: marxistisch-feministische Theoriebildung und marxistisch-feministische Organisierung in und jenseits von Europa. Im ersten werden unter anderem Analysen der Arbeit, Gramscis feministische Fragen, Marx’ Werttheorie, die ‚Care Revolution’, Marxistisch-Feministische und Kritische Theorie, Rosa Luxemburg, und marxistischer Ökofeminismus analysiert. Im zweiten diskutieren marxistische Feministinnen aus dem Mittleren Osten, Lateinamerika, den USA, Südafrika, Indien, Frankreich, Spanien und Griechenland Strategien, Theorien und Perspektiven der feministisch-sozialistischen Organisierung. Hinzu kommen eine ganze Reihe weiterer Themen wie marxistisch-feministische Analysen von Mutterschaft, Rassismus, Rechtsradikalismus, Europäischer Governance, Intersektionalität und lesbisch geführten feministischen Bewegungen, Natur und Geschlecht und Möglichkeiten feministischen Widerstands gegen Fundamentalismen.

Ein Multi-Genre Film von Systrar Productions lädt uns ein, die unvollendete Arbeit des Feminismus von der Basis her zu betrachten und die künstlerische Arbeitsgemeinschaft arge blumen zeigt Fragment #3, Poltergeist, aus ihrer neuesten Produktion, Cutting Edge, einem Wechselspiel mit Soundlandschaften, über Poesie, Verfremdung, Beklemmung bis hin zu grotesker Komik. IN-VISIBLE-IN, eine eigens für die 2. Internationale Marxismus-Feminismus-Konferenz 2016 in Wien von Aiko Kazuko Kurosaki und der Visualistin starsky erarbeitete multimediale Performance bedient sich gängiger Klischees und Muster, um sie aufzubrechen, zu dekonstruieren und emotionale und mehrschichtige Assoziationsräume zu evozieren.

Eine Aufgabe, die wir uns für diese Konferenz gestellt haben, ist die Formulierung eines Manifestes, das uns als eine internationale, vielstimmige Bewegung, im Prozess des Werdens sichtbar macht. Die von Frigga Haug auf der Basis unserer ersten Konferenz formulierten Thesen, finden sich am Beginn dieses Programmbuches. Die Diskussion der Thesen wird am Samstag in einer Plenarveranstaltung von 16:00 – 18:00 Uhr stattfinden.

Building Bridges – Shifting and Strengthening Visions – Exploring Alternatives

Second international Marxist-Feminist Conference. Vienna, Akademie der Bildenden Künste (Atelierhaus), October 7-9, 2016

The first international Marxist-Feminist Conference was organised in Berlin in 2015. In the introduction, the organisers wrote:

”More than 40 years ago, feminists among Marxists in many countries spoke out. They criticized the concept of labour that was then commonly used in Marxism, they criticized value theory, views on domestic labour and the family, the way of dealing and interacting with each other and with nature around us, the economy and wars; and they discussed their visions of the future and raised their voices for women’s liberation.

They triggered passionate debates and their criticism was not totally ignored. But the work they have carried out on an international scale is far from complete. For some decades feminist Marxist debates subsided because neoliberalism, stumbling from one crisis to another, had brought other issues into focus”.

The conference in 2015, which intended to pick up the threads of past Marxist-feminist research and engagement was – even to the surprise of the organisers – a great success. More than 500 people attended the workshops, panel discussions and lectures, the speakers and participants spanning several generations and countries as well as political and academic fields of intervention. One of the suggestions for a second conference was to diversify the issues and Marxist-feminist approaches to theories and organising even more. We have tried to take that advice to heart by inviting speakers from different parts of the world and with diverse visions of what Marxist-feminist theorising and organising can be.

Given the frightening state in which we find ourselves in a neoliberal world, full of violence, rising fascist movements and environmental destruction, and given the weakness of alternative thoughts and movements, we believe our task is twofold: to develop and strengthen Feminist-Marxist theory as a specific tool for understanding and transforming reality and to learn from others to broaden our perspectives and strengthen our visions for a future that we can only achieve through alliances.

Thanks to the passion, resourcefulness, and competences of the Viennese women from ‘Transform! Europe’ and their many friends and supporters and thanks to the generosity of Eva Blimlinger, director of the Academy of Fine Arts in Vienna, we are able to present the second conference only one and a half years later. With the number of speakers, the range of countries they come from and the areas of analysis they cover have multiplied. A stream of Marxist-Feminist theory includes analyses of labour, Antonio Gramsci’s feminist questions, Marx’ value theory, the ‘care revolution’, Critical Theory and Marxist-Feminism, Rosa Luxemburg, and Marxist Ecofeminism. Another stream devoted to Marxist-Feminist organising across the globe includes analyses from the Middle East, Latin America, the USA, South Africa, India, France, Spain and Greece. These streams are reinforced by a range of additional themes like Marxist-Feminist analyses of motherhood, racism, European governance, intersectionality and lesbian-led movements, nature and gender, and feminist resistance against fundamentalism.

A multi-genre fiction film invites us to look at feminism’s™ unfinished business from the bottom up and the ‘arge blumen’ artistic work-community will perform Fragment #3, Poltergeist, from their latest work, Cutting EdgeIN-VISIBLE-IN, a multi-media performance, especially produced for the 2nd International Marxism-Feminism-Conference 2016 in Vienna by Aiko Kazuko Kurosaki and visual artist starsky, uses common clichés and patterns in order to break and deconstruct them and to evoke multi-layered emotional spaces of association.

One task that we have set ourselves is to release a manifesto with a few basic theses which shall serve to establish our group as a diverse, international movement in the making. You can find the theses suggested for such a manifesto by Frigga Haug on the basis of our first conference at the beginning of this booklet. They will be discussed in a plenary session on Saturday between 16:00 and 18:00.

 

12 Thesen, teils auf dem letzten Marxismus-Feminismus Kongress formuliert in der Hoffnung, darin eine gemeinsame zukünftige Zusammenarbeit und Verständigung eines Marxismus-Feminismus festzuhalten – sie sollen im Thesenpanel zur Diskussion stehen, gemeinsam erweitert, verbessert oder verändert werden, um die Grundlage für eine stärkere Theorie und Bewegung zu legen.

 

  1. Marxismus-Feminismus sind zwei Seiten einer Medaille, wie Helen Colley einschärft, aber, so ist zu ergänzen, diese Medaille gehört selbst umgeformt. Feministischer Marxismus hält am marxschen Erbe und damit an der Bedeutung der Analyse von Arbeit in Form der Lohnarbeit und damit als Antriebskraft der Arbeiterbewegung, fest (wie Gayatri Spivak insistiert). Aber in der Bestrebung, die übrigen weiblichen Tätigkeiten ebenso ins Zentrum der Analyse zu rücken, geht MF über die lähmenden Versuche, häusliche und außerhäusliche Tätigkeiten entweder gänzlich in eins zu setzen oder sie umgekehrt ganz auseinander zu denken (dual economy debate, domestic labour debate) hinaus und stellt sich der grundsätzlichen Herausforderung, den Begriff der Produktionsverhältnisse für feministische Fragen zu besetzen und weiterzuentwickeln.
  1. Dabei wird (wie schon bei Marx und Engels) von zwei Produktionen ausgegangen – der des Lebens und der der Lebensmittel. Im Zusammendenken der beiden wird es möglich, konkrete Praxen und ihr Zusammenwirken zu untersuchen. Dies öffnet ein riesiges Forschungsfeld, in dem nach den je historischen und kulturell verschiedenen Ausprägungen von Herrschaft, aber auch deren Veränderungsmöglichkeiten, gesucht werden muss.
  1. Es leuchtet ein, dass Geschlechterverhältnisse Produktionsverhältnisse sind und nicht zusätzlich hinzukommen. Alle Praxen, Normen, Werte, Autoritäten, Institutionen, Sprache, Kultur usw. sind in Geschlechterverhältnissen kodiert. Diese Annahme macht feministisch-marxistische Forschung so fruchtbar wie notwendig.
  1. Marxismus ist für die kapitalistische Gesellschaft und ihre herrschaftslegitimierenden wissenschaftlichen Disziplinen nicht nützlich. Weil feministischer Marxismus (wie Marx, aber auch vor allem Luxemburg, Gramsci, Brecht u.a.) davon ausgeht, dass die Menschen ihre Geschichte selber machen, bzw. wo sie dran gehindert werden, Selbstermächtigung zu erringen ist, ist Marxismus-Feminismus untauglich für autoritäres Handeln von oben. Dies setzt Forschungen wie die zur Erinnerungsarbeit frei, ebenso eröffnete es einen historisch-kritischen Umgang mit sich selbst als Teil eines Kollektivs, ist also auch eine Form der Selbstkritik als Produktivkraft.
  1. Da alle Gesellschaftsmitglieder in ihrem Handeln an Herrschaftsverhältnissen teilhaben, ist eine konkrete Erforschung der Herrschaftsknoten nötig, die im kapitalistischen Patriarchat den Wunsch zur Veränderung lähmen oder gar ganz fesseln können. Feministinnen haben hier den Vorteil, geringere Privilegien, die mit dem Zugang zu Macht einhergehen, zu haben. Sie haben deshalb weniger zu verlieren und mehr Erfahrung, die Welt von unten zu sehen.
  1. Alle Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft sind durch diese Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisse zugerichtet; insofern sind sie noch weit entfernt davon, in einer befreiten Gesellschaft zu leben. Es gibt historisch tradierte Formen von Herrschaft und Gewalt, die sich nicht kontinuierlich oder durch einen Hauptwiderspruch in die Gegenwart fortsetzen. Die brutalen Formen von Gewalt (gegen Frauen), von Verrohung, Kriegsbereitschaft usw. (worauf Zillah Eisenstein abzielte) sind als ungleichzeitige Schrecken alter Verhältnisse zu fassen. Für marxistische Feministinnen sind diese Gewaltverhältnisse als elementarer Bestandteil ihres Befreiungskampfes theoretisch und praktisch einzuholen: für sich selbst, um ihren Subjektstatus zu erringen, sowie ihr Aufbegehren gegen männlich-menschliche Unterdrückung.
  1. Marxismus-Feminismus nimmt Stellung zum Primat von Arbeiterbewegung als historischem Subjekt und Trägerin von Transformation. Den Feminismus in den Marxismus hineinzutragen und dabei beide zu verändern, macht eine kritische Sicht auf den traditionellen Marxismus, der sich allein auf die Arbeiterbewegung bezieht, unabdingbar. Marxismus ist marxsche Kritik der politischen Ökonomie + Arbeiterbewegung – das zeigt gleichsam seine Potentiale wie Grenzen. Das Schicksal der Arbeiterklasse zeigt auch ihre Unfähigkeit, Fragen, die den historischen Horizont der Klassenkämpfe überschreiten, zu erkennen und weiterzuentwickeln. Für die neuen feministischen Fragen, ebenso wie für Fragen der Ökologie, ist dieser traditionelle Marxismus nicht aufnahmefähig. Er muss weiterentwickelt werden (wie Rosa Luxemburg hervorgehoben hat). Die Fülle der vielfältigen sozialen Bewegungen sowie auch der noch ungenutzte Reichtum von Marx‘ kulturellem Erbe verlangen eine kontinuierliche weitere Auseinandersetzung. Hier sind alle marxistischen Feministinnen gefragt. Dies ist in fast allen Beiträgen Konsens.
  1. Die Debatte um den Zusammenhang von race, Klasse und Geschlecht (Intersektionalität) sollte vorangetrieben werden. Der Zusammenhang von Klasse und Geschlecht ist in allen kapitalistisch verfassten Gesellschaften weiter konkret zu erforschen; was als „race question“ auftritt, ist je nach Gesellschaft und Kultur konkret zu beantworten und auf die beiden anderen Unterdrückungsarten zu beziehen (was Ann Ferguson und Gayatri Spivak hervorheben). Nicht-lineares Denken ist gefragt.
  1. In den Umbrüchen, die der Krise des Fordismus folgten und sich in der globalisierten Ökonomie von Krise zu Krise zeigen, welche die Menschen in immer prekärere Verhältnisse treiben, gehören Frauen ebenso wie marginalisierte Praxen und Gruppen zu den Verliererinnen.
  1. Der Abbau des Wohlfahrtsstaats in einer globalisierten Ökonomie überlässt die Sorge um das Leben Frauen in unbezahlter häuslicher Arbeit oder in gering bezahlter Lohnarbeit. Wir können dies als Care-Krise fassen, als notwendige Folge einer kapitalistischen Gesellschaft, die in der Verschiebung ihres ökonomischen Zentrums auf Dienstleistungen in eine Profitklemme gerät, die zu immer barbarischeren Formen der Austragung der Krisen um ungleiche Wertschöpfungsniveaus greift (wie Tove Soiland vorschlägt).
  1. Uns ist gemeinsam, das Leben ins Zentrum unserer Kämpfe zu rücken (u.a. Montserrat Galcerán, Lise List) und damit die Kämpfe um gemeinsam selbstbestimmte Zeit zu führen. Wir können auch dem Vorschlag nachgehen, die Krisen um das Leben als Folge ungleicher Zeitlogiken innerhalb hierarchisierter Bereiche zu analysieren (Frigga Haug). Als Politik schlägt Haug die Vier-in-einem-Perspektive vor, d.h. Politik um die Verfügung über Zeit zu führen, und dabei die Bereiche nicht einander anzugleichen, sondern sie durch Verallgemeinerung zu enthierarchisieren. Erst wenn alle in allen Bereichen tätig sind, sei eine befreite Gesellschaft möglich.
  1. Unsere Kämpfe sind gegen Herrschaft gerichtet und radikal demokratisch – dies braucht auch Politik von unten. Unser Widerstand ist kulturell und zeitlich unterschiedlich situiert. Aber uns eint mit Marx, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Einen marxistisch-feministischen Kongress zu organisieren und darin unterschiedliche Umgänge mit Kooperation und Konflikt zu finden ist ein Mittel unserer Aufgabe, unseren Widerstand in eine beständige marxistisch-feministische Bewegung zu übersetzen. Daher wird die Formulierung dieser Thesen nicht der Endpunkt sein, sondern stellt eine Vermittlung zwischen Theorie und Praxis in unserem Streben nach Demokratie und einer befreiter Gesellschaft dar, die hier und zukünftig debattiert und weiterentwickelt werden soll.

12 Theses, partly formulated at the last Marxism-Feminism Congress, in hope of future cooperation and a common understanding of Marxism-Feminism. These theses should be jointly discussed, improved or modified in the thesis panel in order to lay the foundation for a stronger theory and movement. 

 

  1. As Helen Colley emphasizes, Marxism-Feminism are two sides of one coin, but it must be added that this coin itself requires transformation. Feminist Marxism adheres to Marx’s legacy, and thus to the significance of the analysis of work in the form of wage labour and as the driving force of the workers’ movement (as Gayatri Spivak insists). However, in the attempt likewise to put the remaining female activities at the centre of the analysis, MF goes beyond the crippling attempt to conceive domestic and non-domestic activities either completely as one thing or vice versa as completely separate (dual economy debate, domestic labour debate), and poses the fundamental challenge of occupying and further developing the concept of the relations of production for feminist questions.
  1. Here (as with Marx and Engels) two forms of production are assumed, those of life and those of the means of life. By analysing the two together it is possible to examine specific practices and how they interact. This opens up an enormous field of research, in which the different historically and culturally specific modes of domination must be investigated, but also the possibilities for change.
  1. It is clear that gender relations are relations of production, not an addition to them. All practices, norms, values, authorities, institutions, language, culture, etc. are coded in gender relations. This assumption makes feminist Marxist research as fruitful as it is necessary.
  1. Marxism is of no use for capitalist society and the academic disciplines that legitimize domination. Because (with Marx, Luxemburg, Gramsci, Brecht et al.) Marxism-Feminism assumes that people make their own history, or, where they are prevented from doing so, self-empowerment must be gained, Marxism-Feminism is unsuited to authoritarian action from above. It liberates research such as memory work and likewise opens up a historical-critical treatment of oneself as part of a collective. It is thus also a form of self-criticism as a productive force.
  1. Because through their activity all members of society must participate in relations of domination, a concrete study of the nodal points of domination in the capitalist patriarchy that paralyse or completely shackle the desire for change is needed. Here feminists have the advantage of having fewer of the privileges associated with power. They therefore have less to lose as well as more experience in viewing the world from below.
  1. All members of capitalist society are damaged by these domination/subjection relations; and to this extent they are still far from living in a liberated society. There are historically passed down forms of domination and violence that do not continuously perpetuate themselves in the present through a primary contradiction. The savage forms of violence (against women), of brutalization, readiness for war, etc. (on which Zillah Eisenstein focused) should be understood as historically uneven horrors stemming from old relations. For Marxist Feminists, these violent relations have to be theoretically and practically grasped as a fundamental part of their struggle for liberation – in order to attain their status as subjects themselves as well as for their revolt against male-human oppression.
  1. Marxism-Feminism takes a position on the primacy of the labour movement as a historical subject and agent of transformation. Bringing feminism into Marxism, and thereby changing both of these, makes a critical view of traditional Marxism, which refers solely to the labour movement, indispensable. Marxism is Marx’s critique of political economy plus the labour movement – which shows its potential as well as its limits. The fate of the working class also shows its inability to recognize and to further develop questions that transcend the historical horizon of class struggles. This traditional Marxism is neither receptive to the new feminist questions nor for those of ecology (as Rosa Luxemburg emphasised). The wealth of the various movements as well as the still unused wealth in Marx’s cultural heritage require continual critical analysis. This is a challenge for all Marxist feminists, which is a consensus in nearly all contributions.
  1. The controversy over race, class, and gender (intersectionality) should be taken further. The connection between class and gender in all societies constituted by capitalism should be further specifically researched; what appears as the “race question” should be answered concretely for each society and culture separately and related to the two other kinds of oppression (as Ann Ferguson and Gayatri Spivak emphasize). Nonlinear thinking is required.
  1. In the upheavals following the crisis of Fordism showing themselves in every new crisis of the rapidly globalizing economy, which are driving people into more and more precarious conditions, women, like other marginalised practices and groups, are the losers.
  1. The dismantling of the welfare state in a globalized economy leaves the concern for life to women in unpaid housework or in low-paid wage work. We can conceive of this as a ‘care crisis’, as a necessary consequence of a capitalist society that in shifting its economic centre to the service industries has fallen into a profit squeeze, while it resorts to ever more barbaric forms of handling the crises around the unequal levels of creating added value (as Tove Soiland suggests).
  1. What we all share is to move life into the centre of our struggles (among others Montserrat Galcerán, Lise List) and thus the struggles for collectively self-determined time. We can also follow the suggestion of analysing the crises around life as the consequence of unequal time logic within hierarchically organized areas (Frigga Haug). As for politics, Haug suggests the four-in-one perspective, i.e. policy-making around the question of the time people have at their disposal, thereby not to adapt the areas to each other, but to free them from hierarchy through generalization. Only when everyone is active in all areas is a liberated society possible.
  1. Our struggles are against domination and are radically democratic – this also requires politics from below. Culturally and temporally, our resistance is situated in different locations. But what unifies us with Marx is the desire “to overthrow all relations in which man is a debased, enslaved, forsaken, despicable being”. Organizing a Marxist-Feminist Congress and finding different approaches to cooperation and conflict in it is a means of translating our resistance into the development of a continuous Marxist-Feminist movement. The formulation of these theses should therefore not be the end point, but is rather an intermediation between theory and practice in our striving towards democracy and a liberated society which here and in the future should be further debated and developed.

Stream Introducers – Einführungen in Themenschwerpunkte 

 Frigga Haug lehrte als Professorin für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Gastprofessuren führten sie nach Kopenhagen, Klagenfurt, Innsbruck, Sydney, Toronto und Durham. Sie ist Mitherausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift Das Argument und des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus, Redakteurin des Forums Kritische Psychologie, Vorsitzende des Berliner Instituts für kritische Theorie (InKriT), Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, im Kuratorium des Instituts Solidarische Moderne, im Verband deutscher Schriftsteller und in der Partei Die Linke. 2013 erhielt sie den Clara-Zetkin-Preis, im September 2016 die Ehrendoktorwürde der Universität Roskilde. Neben Schriften zur Arbeitsforschung veröffentlichte sie zu Frauensozialisation und Politik, zu sozialwissenschaftlichen Methoden, zum Lernen, zur Erinnerungsarbeit, zu Rosa Luxemburg und zum aktuellen Projekt eines internationalen linken Feminismus, darunter: Briefe aus der Ferne: Anforderungen an ein linkes feministisches Projekt heute (Hg., 2010); Die Vier-in-einem-Perspektive (3. Aufl., 2011); Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik (2007). Seit 2003 gibt sie das Historisch-kritische Wörterbuch des Feminismus heraus (bisher erschienen Bd. 1-3). In ihrem neuen Buch Marxismus-Feminismus erarbeitete sie eine marxistisch-feministische Politik, die theoretische Erkenntnisse mit Alltagsleben und kultureller Praxis verknüpft. Sie geht autobiografisch vor: An ihren eigenen Thesen und intellektuellen Kämpfen zeigt sie, wie übernommene Gewissheiten theoretische Erkenntnis wie praktische Politik behindern.

Frigga Haug taught as a Professor for Sociology at Hamburg University for Economy and Politics. Her visiting professorships led her to Copenhagen, Klagenfurt, Innsbruck Sydney, Toronto and Durham. She is co-editor and member of the editorial board of the journal, Das Argument, and of the Historical-Critical Dictionary of Marxism, also of the Forum Kritische Psychologie, chairwoman of the Berlin Institute of Critical Theory (InkriT), member of the scientifi c advisory board of attac, on the board of trustees of the Institute Solidarische Moderne, in the Verband deutscher Schriftsteller and in the Party Die Linke. In 2013 she was awarded the Clara-Zetkin-Prize, in 2016 an honorary doctor’s degree of the University of Roskilde. Beside writings on labour studies, she has published on women’s socialization and politics, on social science methods, on learning, on memory work, on Rosa Luxemburg and on the current project of an international left feminism, including: Briefe aus der Ferne. Anforderungen an ein linkes feministisches Projekt (ed., 2010); The Four-in-One-Perspective (3. Edition, 2011); Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik (2007). Since 2003 she has been editing the Historical-Critical Dictionary of Feminism (until now Vol. 1–3 have been published). In her new book, Marxismus- Feminismus, she develops a Marxist-feminist politics that combines theoretical insights with everyday life and cultural practice. Her approach is autobiographical: based on her own theses and intellectual struggles she shows how assumed certainties interfere with both theoretical awareness and practical politics.

Gayatri Chakraborty Spivak is a university professor, and a founding member of the Institute for Comparative Literature and Society at Columbia University in New York. She is director at elementary schools in Rashpur, Baidyanathpur, Langulia, Haripur, Tabadumra, and Shahabad near the Birbhum-Jharrkhand border where she also facilitates the will for a farmers’ cooperative not imposed by benevolent feudal leaders. She has received honorary doctorates from the Universities of Toronto (1999), London (2003), Oberlin College (2008), Universitat Roveri I Virgili (2011), Rabindra Bharati (2012), Universidad Nacional de San Martin (2013), Universities of St. Andrews (2014) and Paris VIII (2014), forthcoming of Presidency University. In 2012 she was awarded the Kyoto Prize in Thought and Ethics and in 2013 the Padma Bhushan. Among her books: In Other Worlds: Essays in Cultural Politics (1987, 2002); Outside in the Teaching Machine (1993, 2003); A Critique of Postcolonial Reason: Towards a History of the Vanishing Present (1999); Song for Kali: A Cycle (translation with introduction of Ramproshad Sen, 2000); Death of a Discipline (2003); Other Asias (2005); An Aesthetic Education in the Age of Globalization (2012); Readings (2014); Du Bois and the General Strike (forthcoming). Significant articles, published in numerous journals or books and languages: »Subaltern Studies: Deconstructing Historiography« (1985); »Three Women’s Texts and a Critique of Imperialism « (1985); »Can the Subaltern Speak?« (1988); »The Politics of Translation« (1992); »Moving Devi« (1999); »Righting Wrongs« (2003); »Ethics and Politics in Tagore, Coetzee, and Certain Scenes of Teaching« (2004); »Translating into English« (2005); »Rethinking Comparativism« (2010); »A Borderless World« (2011); »General Strike« (2012); »Crimes of Identity« (2014); »Our World« (2014).

 

Gayatri Chakraborty Spivak ist Professorin und Gründungsmitglied des Instituts für Vergleichende Literaturwissenschaft und Gesellschaft der Columbia Universität in New York City. Sie ist Direktorin der Grundschulen in Rashpur, Baidyanathpur, Langulia, Haripur, Tabadumra und Shahabad in der Nähe der Birbhum- Jharrkhand-Grenze, wo sie darüber hinaus das Vorhaben einer Bauern-Kooperative, die nicht von der Milde der Feudalherren abhängig ist, fördert. Sie erhielt Ehrendoktorwürden von den Universitäten von Toronto (1999), London (2003), Oberlin College (2008), Universitat Roveri I Virgili (2011), Rabindra Bharati (2012), Universidad Nacional de San Martin (2013), den Universitäten von St. Andrews (2014) und Paris VIII (2014), sowie demnächst der Presidency University. Sie erhielt 2012 den Kyoto Preis in Thought and Ethics und 2013 den Padma Bhushan. Einige ihrer Bücher sind: In Other Worlds: Essays in Cultural Politics (1987, 2002); Outside in the Teaching Machine (1993, 2003); A Critique of Postcolonial Reason: Towards a History of the Vanishing Present (1999); Song for Kali: A Cycle (Übersetzt und mit einer Einleitung von Ramproshad Sen, 2000); Death of a Discipline (2003); Other Asias (2005); An Aesthetic Education in the Age of Globalization (2012); Readings (2014); Du Bois and the General Strike (im Erscheinen).

Abstracts in alphabetical order:

 

Elisabeth Alabarce, Spain

Feminismo, marxismo y la violencia de género en el contexto actual español

En España, en lo que llevamos de año, han sido asesinadas 76 mujeres por violencia machista. Es una cifra que escandaliza al movimiento feminista de este país porque, pese a tener una legislación que establece medidas de Protección Integral contra la Violencia de Género (LO 1/2004), no se observa su impacto efectivo.

Las y los feministas ponen de relieve que, en una sociedad formalmente igualitaria y con políticas públicas de igualdad, en las que las mujeres estamos alcanzando mayor protagonismo en la esfera pública, no se puede seguir perpetuando más un contrato social basado en la histórica subordinación de las mujeres.

La masculinidad hegemónica negativa está en la raíz de la violencia de género, una masculinidad que lleva a los hombres a continuar controlando la fuerza de trabajo de las mujeres mediante la discriminación, el abuso, la injusticia, la desigualdad, la violencia y, como súmmum, el asesinato machista.

En definitiva, eso que el marxismo identificaba como la primera forma de opresión de clase (la que ejercen los hombres sobre las mujeres) está llevándonos a una grave vulneración de derechos humanos.

(Translation pending)

 

Marianthi Anastasiadou

Marxismus-Feminismus/Feminismus-Marxismus im heutigen Griechenland: alte Hindernisse, neue Herausforderungen

 

Abstract Welcher Stellenwert hat der Feminismus im heutigen Griechenland? Welche Arten der feministischen Organisierung haben sich von früher erhalten und welche sind in der jüngsten Zeit erst entstanden? Wie ist der Feminismus aus marxistischer Perspektive im gegenwärtigen politischen Umfeld verortet? Dies sind Fragen, die eingangs zu erörtern sind und zwar aus zwei Gründen: zunächst, um die feministische Organisierung zu erfassen und zu verstehen und zweitens, um darüber zu reflektieren, welche Feminismen heute im Land existieren, wie sie zueinander in Beziehung stehen und welche Perspektiven sie für die Zukunft eröffnen. Was den Zugang des Marxismus-Feminismus/Feminismus-Marxismus anbelangt, ist er zurzeit als Perspektive ziemlich marginalisiert, verloren zwischen den alten sozialistischen Praxen zur „Frauenfrage“, dem noch lebendigen Misstrauen der Vertreterinnen der zweiten Welle gegenüber der Linken und den neueren feministisch- dekonstruktivistischen Zugängen der dritten Welle. Deshalb könnte die Frage „Weshalb braucht es einen Marxismus-Feminismus/Feminismus-Marxismus in Griechenland heute?“ die Debatte über die Geschlechterbeziehungen und die gesellschaftliche Organisation in diesem widersprüchlichen feministischen Feld wieder anstoßen.

Marianthi Anastasiadou schreibt ihre Doktorarbeit in Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Das Thema ihrer Dissertation ist der Neo-Nazi-Diskurs und die Konstruktion vergeschlechtlichter politischer Identitäten im zeitgenössischen Griechenland. Zu ihren Forschungsinteressen gehören: Gender und Feminismus, rechtsextreme Politiken und die Konstruktion politischer Identitäten ebenso wie die aktuellen europäischen Migrationspolitiken. Seit einigen Jahren ist sie Mitfrau der „Odysseas”-Schule der Solidarität in Thessaloniki und im Europäischen Frauennetzwerk in Griechenland. Gegenwärtig arbeitet sie als Pädagogin mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Nordgriechenland.

Marianthi Anastasiadou

Marxism-Feminism/Feminism-Marxism in Greece Today: Old Obstacles, New Challenges

 

Abstract What is feminism today in Greece? What kinds of feminist organizing come from the past and what new ones have been emerging lately? How is feminism from a Marxist perspective situated in in the current Greek political environment? These are initial questions that need to be explored for two basic reasons: first, in order to map and comprehend feminist organizing in Greece today and second, in order to reflect on what feminism(s) exist(s) in the country today, how they are related to each other and what perspectives they open for the future. As for the Marxism-Feminism/Feminism-Marxism approach, it is quite marginalized as a perspective at the moment, lost between the old socialist practices on the “woman question”, the still vivid second wave distrust towards the left and the newer third wave feminist deconstructive approaches. However, the question “What is the need for a Marxism-Feminism/Feminism-Marxism in Greece today?” could bring forward the debate on gender relations and social organizing in the above contradictory feminist field.

Marianthi Anastasiadou is a PhD Candidate in Pedagogy at Freiburg Pädagogische Hochschule, writing her doctoral thesis on neo-Nazi discourse and the construction of gendered political identities in contemporary Greece. Her research interests include gender and feminism, far-right politics and construction of political identities as well as current migration policies in Europe. In recent years she has been a member of “Odysseas” Solidarity School/ Thessaloniki as well as of the European Network of Women in Greece. She is currently working as a pedagogic with unaccompanied refugee minors in Northern Greece.

Adelheid Biesecker, Sarah Breitenbach, Uta v. Winterfeld

Umkämpfte Identität – umkämpfte Natur

Abstract Mit dieser Einheit möchten wir das männliche Ringen um Identität mit herrschaftlichen Mensch-Natur-Beziehungen verknüpfen. Wir beginnen mit Konflikten zu Beginn der Neuzeit, fahren fort mit Mechanismen von Externalisierung und enden mit dem Problem der Identifizierung.

Adelheid Biesecker war bis 2004 Professorin für Ökonomische Theorie an der Universität Bremen. Arbeitsschwerpunkte: Mikroökonomie aus sozial-ökologischer Perspektive; Geschichte ökonomischer Theorie; Ökologische Ökonomie; Feministische Ökonomie; Zukunft der Arbeit.

Sarah Breitenbach studierte Afrikanistik und Politikwissenschaften. Ihre Arbeitsfelder sind internationale Entwicklungspolitik, Armut und Landwirtschaft (Nahrungsmittelsouveränität), soziale und ökologische Transformation und Nachhaltigkeit.

Uta v. Winterfeld ist Privatdozentin am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin seit 2006. Projektleiterin am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie seit 1993. Forschungsschwerpunkte: Naturbeherrschung und gesellschaftliche Naturverhältnisse; Nachhaltigkeit und Geschlechterverhältnisse; Partizipation, Governance und Demokratie; Anpassung an den Klimawandel.

Frieda Afary, Farzaneh Raji

Marxistisch-feministische Theorien zur Frauenunterdrückung im Vergleich

Abstract Dieser Beitrag behandelt die unterschiedlichen Arten, in der vier marxistisch-feministische Denkerinnen die besondere Unterdrückung von Frauen im Kapitalismus theoretisch gefasst haben. Er wird sich mit Anne Foremans Femininity as Alienation [Weiblichkeit als Entfremdung] (1977), Lise Vogels Marxism and the Oppression of Women [Marxismus und die Frauenunterdrückung] (1983), Michelle Barretts Women’s Oppression Today [Frauenunterdrückung heute] (1980) und Raya Dunayevskayas Rosa Luxemburg, Women’s Liberation and Marx’s Philosophy of Revolution [Rosa Luxemburg, die Frauenbefreiung und Marx‘ Philosophie der Revolution] (1982) befassen. Während Foreman die Frauenunterdrückung in der Entfremdung begründet sieht, sieht Lise Vogel sie als Resultat der Rolle der Frauen als Gebärerinnen von Kindern und Produzentinnen von Arbeiter/innen. Michelle Barrett wiederum verfolgt die Spur der Frauenunterdrückung zurück auf die „Ideologie des Familismus“, während Raya Dunayevskaya Marx’ Ethnologische Exzerpthefte zitiert, um damit zu begründen, dass diese Unterdrückung in der Arbeitsteilung zwischen manueller und geistiger Arbeit verwurzelt ist. Obwohl diese Werke vor mehr als dreißig Jahren geschrieben wurden, haben die in ihnen aufgeworfenen Fragen und Erklärungen ungebrochen Relevanz für marxistisch-feministische Diskussionen heute. Unsere Einschätzung dieser Arbeiten ist auch von Heather Browns jüngstem Werk, Marx on Gender and the Family: A Critical Study [Marx zu Geschlecht und Familie: eine kritische Untersuchung] (2012) beeinflusst.

Frieda Afary, M.A. in Philosophie, ist eine in den USA lebende iranisch-amerikanische Bibliothekarin und Übersetzerin. Sie betreibt den Blog „Iranian Progressives in Translation.” [Fortschrittliche Iraner/innen in Übersetzung].

Farzaneh Raji, B.A. in Soziologie, ist eine im Iran lebende Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie ist die Autorin von Del-e Anar [Das Herz des Granatapfels] und Didar dar Duzakh [Besuch in der Hölle], zwei Romanen über iranische Frauen in politischer Gefangenschaft.

Raji and Afary haben zusammen die demnächst erscheinende persische Ausgabe von Heather Browns Marx on Gender and the Family: A Critical Study (Brill, 2012 and Haymarket, 2013) übersetzt.

Frieda AfaryFarzaneh Raji

Comparing and Contrasting Marxist-Feminist Theories of Women’s Oppression 

Abstract This paper will discuss the different ways in which four Marxist-feminist thinkers have theorized the particular oppression that women experience under capitalism. It will take up the contributions of Anne Foreman’s Femininity as Alienation (1977), Lise Vogel’s Marxism and the Oppression of Women (1983), Michele Barrett’s Women’s Oppression Today (1980) and Raya Dunayevskaya’s Rosa Luxemburg, Women’s Liberation and Marx’s Philosophy of Revolution (1982).  While Anne Foreman grounds women’s oppression in alienation, Lise Vogel views it as directly related to women’s role as bearers of children and producers of workers.  Michele Barrett traces women’s oppression back to the “ideology of familialism”, and Raya Dunayevskaya cites Marx’s Ethnological Notebooks to argue that this oppression is rooted in the mental/manual division of labor. Although these works were written over thirty years ago, the questions and explanations they offer continue to be relevant to discussions of Marxist Feminism today.  Our assessment of these works has also been informed by Heather Brown’s recent work, Marx on Gender and the Family: A Critical Study (2012).

Frieda Afary is an Iranian-American librarian and translator who resides in the U.S. She produces the blog “Iranian Progressives in Translation.”

Farzaneh Raji is an Iranian writer and translator who resides in Iran. She is the author of Del-e Anar [The Heart of the Pomegranate] and Didar dar Duzakh [Visit in Hell], two novels about Iranian woman political prisoners. 

Raji and Afary are the co-translators of the forthcoming Persian edition of Heather Brown’s Marx on Gender and the Family: A Critical Study (Brill, 2012 and Haymarket, 2013).

Edma Ajanovic, Stefanie Mayer, Birgit Sauer

‚Gender’ als symbolischer Kitt für die politische Rechte

Abstract In den letzten Jahren haben rechtspopulistische und rechtsextreme sowie rechtskatholische und rechtskonservative Akteur_innen in mehreren europäischen Ländern neue Allianzen rund um den Begriff ‚Gender-Theorie‘ bzw. ‚Gender-Ideologie‘ geschmiedet. Diese Gruppen verstehen ‚Gender‘ als totalitäre Ideologie, die auf die Schaffung eines neuen (geschlechtslosen) Menschen abzielt und damit die Institution der Familie und in weiterer Folge die europäischen Gesellschaften insgesamt in Frage stellt. Dieses Verständnis von ‚Gender‘, das durch Vertreter des Vatikans seit den 1990er Jahren entwickelt wurde, ermöglicht die Bildung von Koalitionen quer durch das ideologische Spektrum der politischen und religiöse Rechten. Der Gender-Begriff bildet einen diskursiven Knotenpunkt, in dem sich Fragen der Gleichberechtigung von LGBTIQ, der Emanzipation von Frauen, Gender Mainstreaming, Gleichstellungspolitik und universitäre Gender Studies mit Sexualerziehung und/oder geschlechtssensibler Pädagogik an Schulen und Kindergärten verschränken lassen. ‚Gender-Ideologie‘ fungiert gleichsam als ‚leerer Signifikant‘ (Laclau/Mouffe), der die Bildung von Äquivalenzketten erlaubt, d.h. unterschiedliche Anliegen zu einem (scheinbar) kohärenten Narrativ verkettet. Der populistische Charakter dieses Diskurses zeigt sich in der Konstruktion eines doppelten Antagonismus, der sich gegen ‚Eliten‘ und gegen ‚Andere‘ richtet, die als Gegensatz zum ‚Volk‘ (zu ‚den (normalen) Menschen‘ etc.) kreiert werden. Auch wenn sich ‚Anti-Genderismus‘ in unterschiedlichen nationalen, regionalen und lokalen Kontexten ganz verschieden äußert, lassen sich grundlegende gemeinsame Annahmen und Argumentationslogiken identifizieren.

In unserem Paper skizzieren wir diesen europäischen Kontext, um dann Ergebnisse empirischer Forschung in Österreich zu präsentieren, indem wir den Diskurs der ‚Gender-Ideologie‘ mittels einer Kritischen Frameanalyse untersuchen. Anhand dominanter Argumentationsmuster zeigen wir, wie ‚Gender-Ideologie‘ als diskursiver Knotenpunkt fungiert, der Unterschiede zwischen den Akteur_innen überbrückt, einzelne Diskursstränge zusammenführt und unterschiedliche politische Anliegen verbindet. Mittels einer Analyse der dem Islam zugeschriebenen Rolle können wir die Flexibilität der diskursiven Konstruktion von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen in rechten Diskursen und die Verbindung von ‚Gender-Ideologie‘ mit breiteren rechtspopulistischen und rechtsextremen Diskursen zeigen. Diese diskursive Verknüpfung von sozialen, demographischen und kulturellen Ängsten schafft existenzielle Bedrohungen, für die feministische, queere und links-emanzipative Theorien und Politiken (mit-)verantwortlich gemacht werden.

 

Edma Ajanovic ist externe Lektorin an der Universität Wien. Sie stellte ihr Doktorat in Politikwissenschaft im Juni 2016 fertig. Ihre zentralen Forschungsthemen sind Rassismus und Rechtspopulismus sowie Fragen von Gender und Migration.

Stefanie Mayer beendete im Februar 2016 das Doktoratsstudium der Politikwissenschaft. Sie forscht v.a. zu feministischen Theorien und Politiken sowie zu Rassismus, Rechtsextremismus und Rechtspopulismus.

Birgit Sauer ist Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Ihre Forschungsthemen beinhalten u.a. Staats- und Demokratietheorie, Gender und Governance sowie affektive Politiken/Politik und Emotion.

Edma Ajanovic, Stefanie Mayer, Birgit Sauer

‘Gender’ as Symbolic Glue for Right-Wing Actors in Europe

Abstract In recent years right-wing populists/extremists and right-wing Catholic as well as conservative actors have been building new alliances in several European countries around the notion of ‘gender-theory’ or ‘gender-ideology’. These groups construct ‘gender’ as a totalitarian ideology, which aims to create a new, ‘gender-less’ human, thereby attacking the institution of the family and European societies as a whole. This reading of ‘gender’, which has been developed by the Vatican from the 1990s onwards, is instrumental to forming coalitions across the right-wing political spectrum. The term ‘gender-ideology’ constructs a discursive node, which links issues of equality for LGBTIQ, women’s emancipation, gender mainstreaming and academic gender studies to resistance against sexual education in schools and kindergartens or against gender-sensitive pedagogy more broadly. ‘Gender-ideology’ in this sense functions as an empty signifier as defined by Laclau and Mouffe. It enables the creation of chains of equivalences that link different concerns and re-articulates them in one (seemingly) coherent discourse. The success of this discourse in raising support for conservative movements among different parts of the population can at least partly be explained by its populist character, i.e. by its creation of a double antagonism targeting elites as well as ‘others’, who are constructed as antagonists of ‘the people’. Albeit shaped differently by diverging national, regional and local contexts, still basic premises and argumentative logics can be discerned which span the different European and national arenas of ‘anti-genderism’.

After developing this European context our paper will present results of empirical research undertaken in Austria, where we analysed ‘gender ideology’ by means of a critical frame analysis. We will focus on dominant argumentative patterns to show how ‘gender ideology’ functions as a discursive node that bridges differences between actors and interlinks disparate strands of discourse and diverse political concerns. Through an analysis of the role ascribed to Islam we can show the flexibility of right-wing and religious constructions of gender relations and the connections between ‘gender ideology’ and broader right-wing populist and extremist discourses. Through this interweaving of social, demographic and cultural fears existential threats to ‘the people’ are constructed and partially blamed on feminist and queer theories and politics.

Edma Ajanovic is an external lecturer at the University of Vienna. She completed her PhD in Political Science in June 2016. Her main research topics are racism, right-wing populism as well as gendered aspects of migration.

Stefanie Mayer completed her PhD in Political Science in February 2016. Her main research topics are feminist theories and politics and critical investigations of racism, right-wing extremism and right-wing populism.

Birgit Sauer is a professor of Political Science at University of Vienna. Her research includes feminist state and democracy theory, gender and governance, and politics and emotion.

Doris Arztmann, Eva Egermann, Jonah I. Garde, Elisabeth Magdlener

Crip Gespräche zu Marxismus- Feminismus

Open Space

 

Abstract „Wir stören die soziale Ordnung“, schrieb Simi Linton über das selbst-ermächtigte Verständnis der Behindertenrechtsbewegung, welche sich neue Diskurse und Bilder verschaffte.

Wo sind die Verbindungen von den Ideen und Paradigmen innerhalb der Disability Studies und Crip-Theorie zu marxistisch-feministischen Diskursen? Realitäten von Arbeit, Pflege, Körper und Zugang, Produktions- und Reproduktionsverhältnisse, Widerständigkeiten um Behinderung und Krankheit und ihre Manifestationen in der Geschichte, Normen als umkämpft, Crip-Zeit, Chancen und Criptopien…

Kaffee und Kuchen / Rolli-taugliche Räumlichkeit

 

Doris Arztmann, Studium der Politikwissenschaft, Geschichte, Frauen- und Geschlechterforschung sowie Russisch an der Universität Wien, an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göteborg und der Rechtswissenschaftlichen Akademie in Odessa. Arbeitet an ihrer Dissertation zum Bereich Inklusion und Schule.

Eva Egermann, Künstlerin & Kulturwissenschaftlerin. Neben künstlerischen Projekten Publikationen (z.B. „Regime. Wie Dominanz organisiert und Ausdruck formalisiert wird“, „Class Works“ oder das „Crip Magazine“) und kuratorische Projekte; Forschungsprojekt „Model House. Mapping Transcultural Modernism“, Visiting Researcher U.C. Berkeley, PhD-in-Practice an der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Jonah I. Garde, Studium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien, arbeitet derzeit an einem Dissertationsprojekt zu kulturellen Imaginationen von Inklusion und (un)zeitgemäßen Körpern. Sein_ihr Buch „Cripping Development? Ambivalenzen ‚inklusiver Entwicklung’ aus crip-theoretischerPerspektive” (2015) wurde mit dem Peter Lang- Sonderpreis für Geisteswissenschaften ausgezeichnet.

Elisabeth Magdlener, Obperson von CCC** – Change Cultural Concepts, Lehrende im Bereich Queer DisAbility (Studies), akademisch-aktivistische Projekte, Tänzerin / Mitglied der weltweiten Community-Tanzbewegung DanceAbility und A.D.A.M. (Austrian DanceArt Movement), schreibt immer wieder in verschiedenen Medien zu den genannten Thematiken.

Doris Arztmann, Eva Egermann, Jonah I. Garde, Elisabeth Magdlener

Talking Crip with Marxism-Feminism

Abstract “We disrupt the Social Order“, writes Simi Linton on the self-empowered understanding of the Disability Rights Movement that developed new discourses and images.

What are the connecting threads between ideas and paradigms within Disability Studies and Crip Theory and Marxist-Feminist discourses? Realities of work, care work, bodies and access, relations of production and re-production, resistances around disability and illness and their manifestations, fights about normativity and crip-time, chances and criptopias… “Disrupting the social order” of exploitation with the means of dis/ability and a crip perspective.

Coffee, cake and fruits served/Wheelchair-accessible

Doris Arztmann studied Political Science, History, Women’s and Gender Studies as well as Russian at the University of Vienna, Gothenburg University and Odessa Law Academy. Doris’ PhD project is on the topic of inclusion and school.

Eva Egermann, artist and cultural scientist. Besides artistic projects, publications (e.g. “Regime. Wie Dominanz organisiert und Ausdruck formalisiert wird” [“Regimes. How Dominance is Organized and Expression Formalised”],”Class Works” or “Crip Magazine”) or curatorial projects, part of the research-project “Model House – Mapping Transcultural Modernism”; visiting researcher at U.C. Berkeley, PhD in Practice at the Academy of Fine Arts Vienna.

Jonah I. Garde studied Development Studies at the University of Vienna and is currently working on a Ph.D. project on Cultural Imaginations of Inclusion and (Un)Timely Bodies. Their book “Cripping Development? Ambivalences of ‘Inclusive Development from a Crip-Theoretical Perspective” (2015) has been awarded the Peter Lang Special Award for Humanities.

Elisabeth Magdlener, chairperson of CCC** – Change Cultural Concepts, lecturer in the field of Queer DisAbility (Studies), activist and academic projects, dancer/ member of the community dance movement DanceAbility and A.D.A.M. (Austrian DanceArt Movement), occasionally an author on these topics (in different contexts).

Adelheid Biesecker, Uta v. Winterfeld

Contested Identity and Contested Nature

Abstract This section wants to combine the male struggle for identity with dominating and dominant human-nature relations. We start with conflicts at the beginning of the New Age, continue with mechanisms of externalisation and finish with the problem of identification.

Adelheid Biesecker was professor for Economic Theory at the University of Bremen until 2004. Main research areas: microeconomics from a social-ecological perspective; history of economic thoughts; ecological economics; feminist economics; future of work.

Sarah Breitenbach studies African Studies and Political Science. Working interests: international development policies, poverty and agriculture (food sovereignty), socio-ecological transformation and sustainability.

Uta v. Winterfeld has been a private lecturer at the Department of Political and Social Sciences, Freie Universität Berlin since 2006; project co-ordinator at the Wuppertal Institute for Climate, Environment and Energy since 1993. Main research areas: mastering nature and societal relations to nature; sustainability and gender; participation, governance and democracy; adaptation to climate change.

Ashley Bohrer

Drogen als neue Zäune: zur Geschichte kapitalistischer Einschließung von Einhegungen zu Masseneinsperrungen 

 

Abstract Im 15. Jahrhundert wandten britische Landbesitzer eine neue Strategie zur Wohlstandsakkumulation an: die Schaffung von mit Zäunen umgebenen Landeinfriedungen, die arme Bauern dazu zwangen, ihr Land zu verlassen und sich in der Folge in die Einsperrung der städtischen Slums zu begeben, wo sie zur ersten proletarischen Arbeitskraft in der Geschichte wurden. Die Geburt des Kapitalismus als weltumspannendes System hing ab von der Schaffung dieser Zäune; Zäune waren somit die erste Taktik kapitalistischer Enteignung; sie tauchten als Taktik auf, die spezifisch darauf ausgerichtet war, die Mobilität der Armen zu beschränken.

Nach den Einzäunungen erfand der Kapitalismus immer neue Strategien zur Einsperrung der Arbeiterklasse. Arbeitshäuser und Armenhäuser, die Vorläufer heutiger Gefängnisse, schossen im 16. Jahrhundert wie Pilze aus dem Boden, um die kurz vorher verarmten Arbeiter, ihre Frauen und Kinder zu verwalten; dieses Phänomen war so weitverbreitet, dass Yann Moulier-Boutang es sogar als „die große Fixierung” bezeichnete. Wie Silvia Federici anmerkt, wurden Frauen auf die häusliche Sphäre beschränkt, sodass ihre Arbeit zwar für die kapitalistische Akkumulation angeeignet werden, dabei aber unbezahlt bleiben konnte. Gleichzeitig haben die europäischen Mächte das neue Regime der Rassenverhältnisse zu etablieren begonnen, indem sie die für den kolonialen Kapitalismus typischen Strategien des Einsperrens auf Überfahrtsschiffen, in Minen und auf großflächigen Plantagen anwandten, um so das Land und die Arbeit afrikanischer und indianischer Völker zum Vorteil der Europäer zu enteignen. Nach der gesetzlichen Abschaffung der Sklaverei bestand ein Mechanismus von Kontrolle und Akkumulation im ‚rassialisierten‘ Kapitalismus in Taktiken des Redlining, der Segregation und der Schaffung von Slums. Im Verlauf der Geschichte des Kapitalismus wurde die Einsperrung immer als Taktik der Akkumulation eingesetzt, und zwar als Taktik, die von Komponenten der Diskriminierung aufgrund von „Rasse“, Geschlecht und Klasse durchzogen ist, die eine intersektionelle Kapitalismusanalyse für wesentlich erachtet.

Mein Beitrag befasst sich mit dem Aufstieg des Kapitalismus in der Frühen Neuzeit und stellt die These vor, dass die heutigen Masseneinsperrungen, die unweigerlich mit dem Drogenkrieg verbunden sind, bloß die letzte Strategie an Einsperrungen für die Arbeiterklasse darstellen. Unter Bezugnahme auf die Werke von Silvia Federici, Michelle Alexander, Michel Foucault und Yann Moulier-Boutang argumentiere ich, dass Einsperrung eine wichtige Strategie im Rahmen kapitalistischer Akkumulation darstellt. Diese Analyse versucht keinesfalls die Besonderheiten des Drogenkriegs oder der Masseneinsperrungen auszulöschen, sondern will diese vielmehr in einen historischen und theoretischen Kontext stellen, wobei eine Verbindung zwischen unserer gegenwärtigen Realität und der Geschichte der Kämpfe der Arbeiterklasse, der feministischen und der antirassistischen Kämpfe hergestellt wird, die den antikapitalistischen Kampf von Anbeginn an begleitet haben. Die Herausbildung des rassistischen und sexistischen Regimes der Masseneinsperrungen als strukturelle und logische Komponente der Struktur des Kapitalismus zu verstehen, erlaubt uns den Kampf gegen den Drogenkrieg als Kampf gegen das globale sozio-ökonomische System des Kapitalismus selbst zu sehen.

Ashley Bohrer ist eine aus Syracuse, NY stammende Feministin, Aktivistin, Autorin, Übersetzerin, Feinschmeckerin und vielseitiges „Bad-Ass“. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit analysiert sie die globalen Transformationen des Kapitalismus von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart unter Bezugnahme auf Marxismus und intersektionellen Feminismus. Sie unterrichtet Philosophie am Hamilton College. Außerhalb der Universität ist Ashley in zahlreichen Organisationen aktiv, u.a. dem Center for Jewish Nonviolence, Jewish Voice for Peace, Showing Up for Racial Justice (SURJ) und Black and Pink, einem LGBTQ-Kollektiv zur Abschaffung von Gefängnissen. Sie ist Mitherausgeberin von HYSTERIA: A Journal of Hysterical Feminisms and Red Wedge Magazine.

Ashley Bohrer

“Theorising the Drug War”: Drugs are the New Hedges – Capitalist Confinement from Enclosures to Mass Incarceration

Abstract In the fifteenth century, British landowners engaged in a new strategy of wealth accumulation: the creation of hedged-in land enclosures that forced poor peasants off their land, confined them to city slums, and turned them into the first proletarian work force in history. The birth of capitalism as a world system was dependent on the creation of these hedges; hedges were thus the first tactics of capitalist dispossession, and emerged as a tactics specifically aiming at restricting the mobility of the poor.

After enclosures, capitalism continued to invent ever-new strategies of confining the working class. Workhouses and poorhouses, the forerunners of modern-day prisons, mushroomed in the sixteenth century to manage the newly impoverished workers, women, and children; this phenomenon was so widespread that Yann Moulier-Boutang refers to it as “The Great Fixation.” As Silvia Federici notes, women became confined to the domestic sphere so their labor could be used for capitalist accumulation but has remained unpaid. At the same time, European powers ushered in the new regime of race relations through its use of confinement strategies of colonial capitalism in Middle Passage ships, mines, and large-scale plantations to expropriate the land and labor of African and Amerindian peoples for the benefit of Europe. After the end of de jure slavery, tactics of redlining, segregation, and the creation of slums, constituted a mechanism of both control and accumulation of racialized capitalism. Throughout capitalism’s history, confinement has been used as a tactics of accumulation shot through with the raced, gendered, and classed components that an intersectional analysis of capitalism identifies as crucial.

This paper looks at the rise of capitalism in early modernity to argue that mass incarceration, inextricably tied to the drug war, is only the latest strategy of confinement reserved for the working class. Drawing on the works of Silvia Federici, Michelle Alexander, Michel Foucault, and Yann Moulier-Boutang, I argue that confinement constitutes a central strategy of capitalist accumulation. This analysis in no way seeks to erase the particularities of the war on drugs or mass incarceration, but rather seeks to place it in historical and theoretical context, connecting our present reality to the history of working class, feminist, and anti-racist struggles that has characterized the fight against capitalism since its inception. Reading the formation of the racist and sexist regime of mass incarceration as a strategy of a structural and logical component of the structure of capitalism will allow us to see that the struggle against the drug war must emerge as a struggle against the global socio-economic system of capitalism itself.

Ashley Bohrer is a feminist, activist, writer, translator, foodie, and all-around badass based in Syracuse, NY. Her academic work uses Marxism and intersectional feminism to analyze the global transformations of capitalism from the early modern period to the present. She teaches philosophy at Hamilton College. Outside the university, Ashley does activist work with a variety of organizations including The Center for Jewish Nonviolence, Jewish Voice for Peace, Showing Up for Racial Justice (SURJ), and Black and Pink, an LGBTQ prison abolition collective. She sits on the editorial staff of HYSTERIA: A Journal of Hysterical Feminisms and Red Wedge Magazine. 

Annabelle Bonnet

Feminismus, Politik, soziale Kämpfe: Frauengeschichte und gewerkschaftlicher Feminismus im Frankreich der 1960er- und 1970er-Jahre

 

Abstract In meinem Beitrag untersuche ich die Beziehung zwischen Marxismus und Feminismus im Frankreich des 20. Jahrhunderts und zwar anhand einer Studie über zwei bestehende Geschichtsschreibungen zu Feminismus, die unterschiedlichen Bekanntheitsgrad genießen. Einerseits ist da die berühmte „Frauengeschichte“, die in den 1970er Jahren im Rahmen akademischer Studiengänge entstanden ist und die Geschichte der feministischen Errungenschaften im Frankreich der 1970er Jahre unter zwei bekannten Perspektiven interpretiert. In der ersten Lesart wird Feminismus als eine innerakademische Bewegung gesehen, die in jener Zeit entstand und sich über verschiedene feministische Gruppen – deren bekannteste die Mouvement de Libération des Femmes ist – in die Gesellschaft hinaus verbreitet und die Frage der Unterdrückung von Frauen öffentlich aufs Tapet gebracht hat. Nach der zweiten Lesart ist der Feminismus durch eine Autonomisierung des feministischen Kampfes aus dem sozialistischen Kampf heraus entstanden, wobei das Verhältnis als ein problematisches der Konkurrenz gesehen und innerhalb des Sozialismus als ein intern zu lösender Widerspruch behandelt wurde.

Auf der anderen Seite steht jene Geschichtsschreibung, die heutzutage zum größten Teil unbekannt ist und die dem Umfeld der Gewerkschaften, insbesondere jenem des Allgemeinen Gewerkschaftsbunds CGT (Confédération Générale du Travail), entstammt und zwei Hauptziele verfolgt. Das erste Ziel besteht darin, die Begrenztheit der akademischen Sicht auf die Geschichte der feministischen Bewegung zu zeigen, die der wichtigen Rolle des gewerkschaftlichen Feminismus im Kampf um die Erringung von Frauenrechten im Frankreich des 20. Jahrhunderts (dies sind u.a. der Kampf um Gehälter und Löhne, um die Unabhängigkeit von Frauen von ihren Familien, um ihre Sexualität und die Siege betreffend den Zugang zu Verhütungsmitteln und freiwilligem Schwangerschaftsabbruch) sehr wenig Sichtbarkeit einräumt. Das zweite Ziel besteht darin aufzuzeigen, dass – ohne die Existenz von Widersprüchen innerhalb der Gewerkschaften zu leugnen – der gemeinsame Klassenkampf der Gewerkschaften und der feministische Kampf historisch zusammengehören. Daher werde ich in meinem Vortrag, der sich in drei Teile gliedert, zunächst die Entstehung einer akademischen Geschichte zu diesem Thema ebenso wie die Sichtweise, die darin einenommen wird, beleuchten. Danach werde ich mich der Historiografie des gewerkschaftlichen Feminismus zuwenden, wobei ich dessen Rolle bei der Erringung von Frauenrechten hervorheben werde. Abschließend werde ich einige neue Hypothesen zur Interpretation der Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Historiografien präsentieren.

Annabelle Bonnet

dissertiert an der EHESS (École des hautes études en sciences sociales), Paris, zum Thema „Hat die Philosophie ein Geschlecht? Philosophinnen und Philosophie in Frankreich von der Nationenwerdung (ca. 1883) bis heute”. Ihre Interessensgebiete sind: historische Soziologie der Intellektuellen, Geschlechtersoziologie, Gesellschaftstheorie, Geschichte der Women’s Studies und des Feminismus, politische Philosophie. Veröffentlichung: „Feminismo, política, transformação social : historia das mulheres e luta sindical na França dos anos 1960-1970”, Uberlândia, Brasil, Crítica e Sociedade, Revista de Cultura Política. V. 5, N. 2, Junho, 2016.

Annabelle Bonnet

Feminism, Politics, Social Struggle: History of Women and Trade-Union Feminism in France in the 1960s and the 1970s.

Abstract This paper questions the relationship between Marxism and feminism in twentieth century France through the study of two unevenly known existing historiographies about feminism. On the one hand, there is the famous “women’s history”, developed in academic studies during the 1970s, which interprets the history of feminist achievements at that time, in France, under two common perspectives: first as an intra-academic movement that would have spread outside the academy, in the social world and whose resulting different feminist groups – the most popular one is known as the Mouvement de Libération des Femmes – would have popularized in public opinion the issue of women’s domination. Secondly, as a story born from the autonomisation of feminist struggles from the socialist struggle, with relations appearing competitive and problematic and suggesting the presence of internal contradictions within socialism. On the other hand, there is the historiography developed at that time, but unknown nowadays, within the French trade-union field by the General Confederation of Labour (Confédération Générale du Travail), with two main objectives. The first aim is to show the limits of the academic view of the history of the feminist movement that gives so little visibility to the pivotal role trade-union feminism had in the struggle for the acquisition of women’s rights in France in the twentieth century (such as the struggle to promote the policies concerning salary, independence of women from their families, sexuality, and the victories regarding contraception and voluntary termination of pregnancy). And the second aim is to show that, without denying the existence of contradictions within the trade-unions, the collective struggle of classist unionism and the feminist struggle are historically related. Therefore, this paper, which is divided into three parts, will firstly present the emergence of an academic history on this subject, as well as the point of view adopted within that field. Then, it will present another historiography, the one of trade-union feminism, stressing its role in the acquisition of women’s rights. Finally, it will propose some hypotheses towards the interpretation of the confrontation of these two historiographies.

Annabelle Bonnet

is doing her PhD at the EHESS (École des hautes études en sciences sociales), Paris on “Does Philosophy have a Gender ? Women Philosophers and Philosophy in France from the Period of National Construction (ca. 1883) to the Present”. Her areas of interest are: historical sociology of intellectuals, sociology of gender, social theory, history of women’s studies and feminism, political philosophy. She published “Feminismo, política, transformação social : historia das mulheres e luta sindical na França dos anos 1960-1970”, Uberlândia, Brasil, Crítica e Sociedade, Revista de Cultura Política. V. 5, N. 2, Junho, 2016.

Selin Çağatay

Feministische Kämpfe im Nahen Osten und in Nordafrika

Abstract Seit Beginn der 2010er Jahre haben Basisbewegungen im Nahen Osten und in Nordafrika Tausende junger Frauen und Feministinnen politisiert, die sich in den zahlreichen Kämpfen für demokratische Rechte und Geschlechtergerechtigkeit engagiert haben. Gleichzeitig ist die Situation in vielen Ländern dieser Region durch politische Instabilität und/oder autoritäre Regime, fundamentalistische Bewegungen, ethnische und konfessionelle Zusammenstöße, ausländische Interventionen, große Migrationswellen und eine Zunahme von Asylanträgen gekennzeichnet. Politische Polarisierung und zunehmende Gewalt in allen Formen erschweren in vielen Ländern die Bedingungen für Frauen, um ihre feministische Politik zu verfolgen und den Forderungen nach Demokratie und Gleichberechtigung Ausdruck zu verleihen. Jedoch problematisiert eine steigende Anzahl feministischer Gruppen in der Region die repressiven Gesetze und Praxen, den Fundamentalismus und die Gewalt aus ethnischen, religiösen, politischen und Geschlechtergründen und organisiert sich in den Kämpfen um soziale, politische, ökonomische, kulturelle und sexuelle Rechte.

Dieser Beitrag diskutiert, wie politische Bewegungen der jüngsten Zeit im Nahen Osten und in Nordafrika sich auf den Aktivismus von Frauen und die feministische Politik in der Region auswirken. Er fokussiert auf den Status von „Frauenrechten“ innerhalb der herrschenden und oppositionellen politischen Diskurse ebenso wie auf die verschiedenen Agenden, Strategien, Organisierungs- und Aktionsformen, die Feministinnen in ihren Kämpfen gegen Männerherrschaft in unterschiedlichen Kontexten aufgreifen.

Selin Çağatay hat vor kurzem in Vergleichenden Gender Studies an der Zentraleuropäischen Universität in Ungarn dissertiert. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen frauenbewegten und feministischen Aktivismus in der Türkei und weltweit, Intersectionality Studies, türkische politische Geschichte und bezahlte und unbezahlte Frauenarbeit. Sie ist Mitfrau im Sozialistischen Feministischen Kollektiv der Türkei. Ihre Artikel sind in Feminist PolitikaEvrensel KültürBirikim und iz3w erschienen.

Selin Çağatay

Feminist Struggles in the Middle East and North Africa

Abstract Since the beginning of 2010s, grassroots mobilizations in the Middle East and North Africa politicized thousands of young women and feminists who joined various struggles for democratic rights and gender equality. At the same time, many countries in the region experienced political instability and/or authoritarian regimes, fundamentalist movements, ethnic and sectarian clashes, foreign intervention, and huge waves of migration and asylum seeking. In many countries, political polarization and increased violence in all forms have created difficult conditions for women to pursue feminist politics and press their demands for democracy and equality. Yet, an increasing number of feminist groups in the region problematize and challenge oppressive laws and practices, fundamentalism, and ethnic, religious, political, and gender-based violence, and organize for peace and/or social, political, economic, cultural, and sexual rights.

This paper discusses how recent political developments in the Middle East and North Africa reflect on women’s activism and feminist politics in the region. It focuses on the status of “women’s rights” in the dominant and oppositional political discourses, and the different agendas, strategies, and forms of organizing and activism feminists adopt in their struggles against male domination in different contexts.

Selin Çağatay has recently defended her PhD dissertation in Comparative Gender Studies at the Central European University in Hungary. Her main research interests include women’s and feminist activism in Turkey and worldwide, intersectionality studies, Turkish political history, and women’s paid and unpaid labor. She is a member of the Socialist Feminist Collective in Turkey. Her articles appeared in Feminist PolitikaEvrensel KültürBirikim, and iz3w.

Ankica Čakardić

Die Kritik der Politischen Ökonomie bei Rosa Luxemburg: von der Akkumulationstheorie zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion 

Abstract Rosa Luxemburg behauptet, dass der Imperialismus im Allgemeinen einen spezifischen Modus der Akkumulation darstellt. Diese Position ist der Ausgangspunkt für ihre Theorie der erweiterten Reproduktion ebenso wie für ihre Kritik an Marx – beides ist Inhalt der Präsentation hier. Der Text ist in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Teil bietet einen Überblick über Luxemburgs Kritik der Politischen Ökonomie von Marx: (1) Außenhandel, (2) die Formel der Zusammensetzung des Warenwerts = c + v + m und (3) das Problem der Nachfrage in der gesellschaftlichen Reproduktion. Der zweite Teil bietet einen kurzen Aufriss des ‚luxemburgschen Feminismus‘ und setzt sich zusammen aus (1) einem Überblick zu Luxemburgs Kritik am bürgerlichen Feminismus und (2) einer vorläufigen Anwendung von Luxemburgs ‚Dialektik der Räumlichkeit‘ auf die Theorie zu gesellschaftlicher Reproduktion. Da feministische Analysen der luxemburgschen Kritik der Politischen Ökonomie ziemlich selten sind, gibt der erste Teil des Vortrags einen Überblick über die drei zuvor erwähnten Elemente ihrer Akkumulationstheorie, die im zweiten Teil mit der Theorie zur gesellschaftlichen Reproduktion verbunden werden. Ich behandle die luxemburgsche Kritik der Politischen Ökonomie als Werkzeug für eine materialistische Analyse der Beziehungen zwischen Haushalt und Markt, oder genau genommen, der Verbindung zwischen den Methoden der Kapitalakkumulation und der weiblichen Reproduktionsarbeit. In einer Zeit, in der systematische Analysen der Verhältnisse zwischen Markt und Staat (sowohl auf nationalstaatlicher wie internationaler Ebene) die nötigen Ausgangspunkte für eine Diskussion jedweder kurz- oder langfristigen Alternativen zur kapitalistischen Produktionsweise darstellen, ist Rosa Luxemburgs Dialektik der Räumlichkeit in Verbindung mit der Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion nicht nur ein wertvoller Ausgangspunkt, sondern auch jenes politische Modell, das sich am besten dazu eignet, Bündnisse zwischen Parallelstrukturen zu organisieren und ihre fortschrittlichen Ziele miteinander zu verbinden.

 

Ankica Čakardić (1977) ist Absolventin des Instituts für Philosophie der Universität Zagreb. Seit 2010 arbeitet sie ebendort als Assistenzprofessorin und hat den Lehrstuhl für Sozialphilosophie inne. Ihr Forschungsinteresse liegt an der Schnittstelle von politischer und Sozialphilosophie, mit Schwerpunkt auf der marxistischen Kritik an Gesellschaftsvertrag, Geschichte der Vernunft und Geschlechterphilosophie unter besonderer Berücksichtigung der feministischen politischen Ökonomie. Sie ist Koordinatorin des Bildungsprogramms am Zentrum für Women’s Studies in Zagreb. Sie hat zwei Bücher herausgegeben und zahlreiche wissenschaftliche Artikel, Aufsätze und Übersetzungen in heimischen und internationalen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert. Von 2011 bis 2013 war sie stellvertretende Vorsitzende der Kroatischen Philosophischen Gesellschaft. Sie ist Mitfrau von FemFront, einer marxistisch-feministischen Lesegruppe in Kroatien. Jüngste Veröffentlichungen: ‘Theory of Accumulation and Contemporary Luxemburgian Critique of Political Economy,’ in: Filozofska istraživanja, Vol. 2 (138), pp. 323-341 (2015); ‘Women’s Struggles and Political Economy: from Yugoslav Self-Management to Neoliberal Austerity’, in: Welcome to the Desert of Post-Socialism: Radical Politics after Yugoslavia, edited by Srećko Horvat and Igor Štiks, London: Verso (2015)

 

Ankica Čakardić

Luxemburgian Critique of Political Economy: from the Theory of Accumulation to Social Reproduction Theory

 

Abstract Rosa Luxemburg claims that imperialism in general represents a specific mode of accumulation. That position represents the starting point for her theory of expanded reproduction, as well as her critique of Marx, which we will both present here. Our text is divided into two parts. The first part offers an overview of Luxemburg’s critique of political economy along three points which represent the critique of Marx: (1) external trade, (2) formula for the value composition of commodities = c + v + s and (3) the problem of demand in social reproduction. The second part offers a sketch for ‘Luxemburgian feminism’ consisting of (1) an overview of Luxemburg’s critique of bourgeois feminism and (2) a preliminary application of Luxemburg’s ‘dialectics of spatiality’ on the social reproduction theory. As feminist analyses of Luxemburg’s critique of political economy are rather rare, the first part of the paper overviews the three aforementioned elements of her theory of accumulation in order to connect them to the social reproduction theory in the second part of the paper. We discuss the Luxemburgian critique of political economy as a tool for a materialist analysis of the connections between the household and the market, or more precisely, the link between the methods of capital accumulation and women’s reproductive labour. At a time when systematic analyses of the relation between the market and the state – either at the national or international level – are necessary starting points for a discussion of any short- or long-term alternatives to the capitalist mode of production, Rosa Luxemburg’s dialectics of spatiality and her connection to the social reproduction theory seem to present not only a valuable introductory reference but also the political model best suited to organise alliances among parallel structures and align their progressive goals.

Ankica Čakardić (1977) received her PhD at the Department of Philosophy at the University of Zagreb, where she has worked as an assistant professor since 2010 and is now holding the chair of Social Philosophy at the Department of Philosophy. Her research interest lies at the interface of political and social philosophy with an emphasis on the Marxist critique of social contract, intellectual history and philosophy of gender focusing on feminist political economy. She is a coordinator of educational programmes at the Centre for Women’s Studies in Zagreb, has edited two books and published numerous academic articles, essays and translations in domestic and international journals and collected volumes. From 2011 to 2013 she was the co-president of the Croatian Philosophical Society. She is a member of FemFront, a Marxist-feminist reading group in Croatia. In 2015 she published ‘Theory of Accumulation and Contemporary Luxemburgian Critique of Political Economy’ in: Filozofska istraživanja, Vol. 2 (138), pp. 323-341 and ‘Women’s Struggles and Political Economy: from Yugoslav Self-Management to Neoliberal Austerity’ in: Welcome to the Desert of Post-Socialism: Radical Politics After Yugoslavia, edited by Srećko Horvat and Igor Štiks, London: Verso

Rebecca Carson

Indigener Feminismus und das Problem der auf „Wellen“ basierenden historischen Bestimmung: eine marxistische Kritik

Abstract Im Lichte des aktuell unklaren Status einer vermuteten vierten feministischen Welle des kann es hilfreich sein, sich marxistischen Interpretationen historischer Periodisierung zuzuwenden. Die marxistische Kritik an der Periodisierung ist ein bedeutendes Werkzeug zur Bearbeitung der zunehmend dringlicher werdenden Notwendigkeit, der Besonderheit lokal verorteter Probleme Aufmerksamkeit zu schenken, mit denen das heutige feministische Denken konfrontiert ist, die aber sehr unterschiedliche geografische und zeitliche Problematiken in sich tragen. Es existiert eine Unmenge feministischer Literatur, die die Nützlichkeit der Historisierung der feministischen Bewegung mit Hilfe des strukturierenden Begriffs der ‚Welle‘ in Frage stellt. Am deutlichsten wird dies an einem von Linda Alcoff initiierten Redaktionsprojekt mit dem Titel „Breaking Feminist Waves“ [„Feministische Wellen brechen“], das das Ziel verfolgt, feministische Texte davor zu bewahren, auf ihre Wellen-Zugehörigkeit reduziert und infolge der teleologischen Funktion der Periodisierung mittels des Wellen-Begriffs fälschlicherweise als altmodisch abgetan zu werden. Periodisierung als Form der zeitlichen Bestimmung, die die Vielförmigkeit der Zeiten, die die komplexe Natur der uns umgebenden gesellschaftlichen Realität ausmacht, zu ihrem eigenen Nutzen verwendet, übt auf die Vielfältigkeit diverser gesellschaftlicher Praxen den Druck der Synchronizität aus. Auf diese Art entgeht dem Konzept der ‚Welle‘ eine Analyse der vielfältigen, gelebten Zeitlichkeiten, die den Stellenwert unterschiedlicher Machtebenen und geografischer Erfahrungen sowohl des Raums als auch der Zeit zu existieren einnehmen. Diese ‚Para`-Zeitlichkeiten widerspiegeln, was Ricoeur als ‚die menschliche Zeit‘ bezeichnet, d.h., die Vielfalt der menschlichen Narrative als Bedingung der zeitlichen Existenz. Es lässt sich dann fragen, ob wir das Problem der feministischen Wellen philosophisch im Problem der historischen Periodisierung begründen können so wie dies praktisch bei den theoretischen Problemen angewandt wurde, die von der ambivalenten vierten Welle aufgeworfen wurden.

Seit den frühen 90er Jahren wird von Indigenen feministischen Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen – von Andrea Smith, Joyce Green, Kim Anderson bis Lee Maracle – vorhergesagt und behauptet, dass die vierte Welle jene des ‚Indigenen Feminismus‘ sein würde. Wenn wir jedoch über Machtstrukturen und systemischen Ausschuss innerhalb feministischer Bewegungen im Hinblick darauf sprechen, wer einen Anspruch auf Geschichte bekommt, wird dies in fast allen feministischen Kreisen, die soeben die vierte Welle in der Geschichtsschreibung verankern wollen, nicht anerkannt. Der Indigene Feminismus, der explizit keine postkoloniale Theorie ist (die Literatur dazu kommt überwiegend aus Kanada, Neuseeland und den Vereinigten Staaten – alles Länder, die in den Augen der Indigenen Gemeinschaften nicht postkolonial sind), ist selbst immer schon ambivalent gegenüber historischer Konstruktion und der Geschichte feministischer Wellen. Dies liegt daran, dass sowohl die Frauenbewegung und ihre Verwendung historischer Konzepte für Indigene Frauen immer bloß eine weitere Form der Kolonisierung dargestellt haben. Indem der Indigene Feminismus mit extremen Formen von Gewalt, die Indigene Frauen erleiden (gegenwärtig sind allein in Kanada 1.200 Fälle ermordeter und vermisster Indigener Frauen ungeklärt), konfrontiert ist und diese systematisch bestreitet, leistet er einen wichtigen Beitrag zur philosophischen Infragestellung von Periodisierung und Historisierung. Er tut dies durch die implizite Analyse davon, wie die Konstruktion von Geschichte es nicht nur verabsäumt, der Vielfalt Indigener gesellschaftlicher Praxen Beachtung zu schenken, sondern auch, wie sie systematisch die Bedingungen für die fortwährende Gewalt in Indigenen Gemeinschaften schafft. Daher könnten wir sagen, dass der Indigene Feminismus als vierte Welle den theoretischen Boden dafür bereiten würde, das feministische Denken auf dialektische Weise – durch die sich abzeichnende Kritik an der auf Wellen basierenden Periodisierung im feministischen Denken – von der teleologischen Historisierung wiederzuerlangen.

Rebecca Carson ist eine in London und New York beheimatete Autorin. Sie dissertiert am Centre for Research in Modern European Philosophy an der Kingston University in London und arbeitet zur Philosophie der Zeit im marxschen Konzept des fiktiven Kapitals.

Rebecca Carson

Indigenous Feminism and the Problem of Wave-Based Historical Determination: a Marxist Critique

Abstract In light of the current indeterminate status of the speculative feminist fourth wave it would be helpful to turn to Marxist interpretations of the problems surrounding historical periodisation. The Marxist critique of periodisation is a significant tool in addressing the increasing need to pay attention to the specificity of localized problems facing feminist thought today that carry different geographical and temporal problematics. There is a plethora of feminist literature that contests the usefulness of historicizing the feminist movement through the structuring principle of the ‘wave’, most notably an editorial project initiated by Linda Alcoff called ‘Breaking Feminist Waves’ that aims to reclaim feminist texts from being reduced to their wave determination and thus falsely considered outmoded by the teleological function of wave-based periodisation. Periodisation, a form of temporal domination that puts the multiform of times that make up the complex nature of social reality to its own uses, imposes synchronic pressure on the multiplicity of diverse social practices. In this way the concept of the ‘wave’ leaves out an analysis of multiple lived temporalities that assume different levels of power and geographic experiences of both space and time to exist. These ‘para-temporalities’ reflect what Ricoeur refers to as ‘human time,’ that is the multiplicity of human narrative as the condition of temporal existence. The question then becomes, can we philosophically ground the problem of feminist waves in the problem of historical periodisation as practically applied to the theoretical problems incurred by the ambivalent fourth wave?

Since the early nineties, it has been predicted and claimed by Indigenous feminist activists and scholars from Andrea Smith, Joyce Green, Kim Anderson to Lee Maracle that the fourth wave would be ‘Indigenous feminism.’ Yet, speaking of power structures and systemic exclusion internal to feminist movements in terms of who gets claim to history, this is almost completely unacknowledged in feminist circles that are currently beginning to write the fourth wave into history. Explicitly not a post-colonial theory (the literature here largely comes from Canada, New Zealand and the United States – all countries that are not empirically post-colonial for Indigenous communities), Indigenous feminism is itself always already ambivalent to historical construction and the history of feminist waves. This is because both the women’s movement and the use of historical concepts have always been for Indigenous women yet other forms of colonization. Confronting and systematically refuting the extreme forms of violence experienced by Indigenous women (there are currently more than 1,200 murdered and missing Indigenous women in Canada alone unaccounted for), Indigenous feminism makes an important contribution to the philosophical questioning of periodisation and historicism through the implicit analysis of how the construction of history not only fails to account for the multiform of Indigenous social practices but systemically creates the conditions for ongoing violence in Indigenous communities. Thus we could say that Indigenous feminism as the fourth wave would provide the theoretical ground to dialectically reclaim feminist thought from teleological historicisation through an imminent critique of waved based periodisation in feminist thought.

Rebecca Carson is a writer based in London and New York. She is a PhD candidate at the Centre for Research in Modern European Philosophy at Kingston University in London working on philosophy of time in Marx’s concept of fictitious capital.

Raphaële Chappe

Rosa Luxemburg: The Accumulation of Capital 100 Jahre später 

Abstract Verso Books bringt die Gesammelten Werke von Rosa Luxemburg auf Englisch heraus, ein wichtiges Projekt, das mit der Veröffentlichung der „Economic Writings: Volume I and II“ [„Schriften zur Ökonomie, Band I und II“] begann. Der zweite Band (er erschien 2015) enthält eine Neuübersetzung von „The Accumulation of Capital“ [„Die Akkumulation des Kapitals“]. Die zentrale These dieses Meisterwerks ist der Gedanke, dass die kapitalistische Akkumulation auf nicht-kapitalistischen externen Märkten beruht, um eine „Verwertungskrise“ zu überwinden. Ihre kritische Interpretation von Marx‘ Zirkulationsprozessen des Kapitals (Band 2 von „Das Kapital“) ist so kühn, dass moderne Leser/innen Luxemburg sogar als Vorläuferin von Ökonomen wie Keynes und Minsky sehen. Hundert Jahre nach der Veröffentlichung von „The Accumulation of Capital“ haben Luxemburgs Ideen neues wissenschaftliches Interesse und ebensolche Einsichten zu den sich verändernden Modalitäten von Kapitalismus und Imperialismus hervorgebracht.

In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass das Kapital einen ständigen Bedarf an neuen internationalen Investitionsmöglichkeiten hat, dass der Finanzsektor sich im Verhältnis zur Größe der produktiven Ökonomie enorm ausgedehnt hat und dass das finanzielle Risiko sozialisiert wird. Luxemburg spricht von der Notwendigkeit des Kapitals, sich zum Zwecke der Investition ständig neue Territorien zu erschließen, was sie als die allgemeine Dynamik im Kern des Prozesses der Kapitalakkumulation identifiziert. Ihre Analyse der Rolle, die die internationale Finanzökonomie in dieser Hinsicht spielt – d.h., wie die Finanzökonomie die Fortsetzung der Kapitalakkumulation ermöglicht –, kann uns dabei helfen, das Wachstum der Finanzökonomie sowohl als Ausdruck der Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus als reines und geschlossenes System als auch als Ausdruck von Imperialismus zu konzeptualisieren. Luxemburg diskutiert die Rolle, die die Finanzökonomie in der Kapitalakkumulation spielt in Kapitel 30, wo sie ihre Analyse des internationalen Geldverleihsystems vor dem Ersten Weltkrieg präsentiert. Obwohl dieser Frage im Hauptargument des Buches eine einigermaßen beiläufige Bedeutung zukommt, zeitigt ihr Aufgreifen der internationalen Finanzökonomie interessante Ergebnisse, wenn ihre Überlegungen auf den heutigen Finanzkapitalismus angewandt werden.

Wir werden die Bedeutung, die die „Akkumulation des Kapitals“ in dieser Hinsicht heute hat, untersuchen und das Gesamtprojekt der Veröffentlichung der Gesammelten Werke bei Verso Books beschreiben.

Raphaële Chappe hat soeben an der New School for Social Research, NY, in Ökonomie dissertiert. Ihre Dissertation „A Portfolio-Based Study on Wealth Accumulation and Distribution” [„Eine bestandsabhängige Studie zu Akkumulation und Verteilung von Reichtum”] untersucht das Ausmaß, in dem der Finanzmarkt zum Wohlstandsgefälle beigetragen hat. Dabei untersucht sie den Einfluss, den Merkmale auf der Ebene der Investoren, Glück (idiosynkratisches Marktrisiko) und höhere erwartete Gewinne für wohlhabendere Investoren – durch die Verfügbarkeit von Beta (Verschuldungsmöglichkeit) und Alpha – auf die Vermögensverteilung haben. Zu ihren jüngsten Publikationen gehören u.a. „The Financial Crisis of 2008 As Cognitive Failure” im Berkeley Journal of Sociology und „The U.S. Financial Culture and its Worldwide Impact” in Constellations. Sie unterrichtet politische Ökonomie und Rosa Luxemburgs „Die Akkumulation des Kapitals” am Brooklyn Institute For Social Research. Vor ihrer akademischen Tätigkeit hat sie acht Jahre lang in der Finanzdienstleistungsbranche als Anwältin praktiziert.

Raphaële Chappe

Rosa Luxemburg: The Accumulation of Capital 100 Years Later 

Abstract Verso Books is publishing the complete works of Rosa Luxemburg in English, a major project which began with the publication of “Economic Writings: Volume I and II”. The second volume (published in 2015) contains a new translation of “The Accumulation of Capital”. The central thesis of this masterpiece is the idea that capitalist accumulation relies on non-capitalist external markets to overcome a “realization crisis”. Her critical interpretation of Marx’s circuits of capital (Vol. II of “Capital”) is so bold that modern readers even see Luxemburg as a precursor of economists such as Keynes and Minsky. One hundred years after the publication of “The Accumulation of Capital”, Luxemburg’s ideas have generated new scholarly interest and insights on the changing modalities of capitalism and imperialism.

In recent years, we have seen capital in constant need of new international investment opportunities, the financial sector expand greatly relative to the size of the productive economy, and the socialization of financial risk. Luxemburg identifies the need to continually open up new territories for investment as a general dynamic at the heart of the process of capital accumulation. Her analysis of the role played by international finance in this regard – how finance enables capital accumulation to continue – can help us conceptualize the growth of finance both as an expression of the need to overcome capitalism as a purely closed system, and as an expression of imperialism. Luxemburg discusses the role played by finance in capital accumulation in Ch. 30, where she puts forward her analysis of the international loan system prior to World War I. Though somewhat incidental to the main argument of the book, her take on international finance yields interesting results when applied to modern-day financial capitalism.

We will highlight the modern relevance of “The Accumulation of Capital” in this regard, as well as describe the overall project of the publication of the complete works with Verso Books.

Raphaële Chappe has just finished her PhD in Economics at The New School for Social Research, NY. Her dissertation “A Portfolio-Based Study on Wealth Accumulation and Distribution” studies the extent to which the financial market has contributed to wealth disparities, estimating the impact on the wealth distribution of investor-level characteristics, the role of luck (idiosyncratic market risk), and higher expected returns for wealthier investors through the availability of beta (leverage) and alpha. Recent publications include “The Financial Crisis of 2008 As Cognitive Failure” in the Berkeley Journal of Sociology, and “The U.S. Financial Culture and its Worldwide Impact” in Constellations. She has taught classes on political economy and Rosa Luxemburg’s “The Accumulation of Capital” with The Brooklyn Institute For Social Research. Prior to academia, she practiced as an attorney for eight years in the financial services industry.

Jennifer Cotter

Eine das Geschlecht berücksichtigende Theorie der Arbeit: Marxismus-Feminismus und die „Anti-Dialektik“ neuer materialistischer Feminismen 

Abstract Der Marxismus-Feminismus ist revolutionär aufgrund seiner Theorie der Dialektik zwischen Geschlecht und Klasse, innerhalb der die Freiheit aller Frauen – und nicht nur die Privilegien für einige – ein notwendiges dialektisches und materielles Verhältnis eingeht mit der Befreiung von Klassenverhältnissen, Imperialismus und der Ausnutzung von Geschlecht, Sexualität und kulturellen Unterschieden durch das Kapital als ‚Arbeitsinstrumente‘, mit deren Hilfe die Ausbeutungsrate der globalen Arbeitskräfte erhöht oder gesenkt wird. Die bürgerlichen Feminismen, die im globalen Norden infolge der Krise des Kapitals entstanden sind, lehnen die Dialektik zwischen Geschlecht und Klasse als „Metaphysik der Arbeit” (Braidotti: „Bios/Zoe“) ab und ersetzen sie durch Theorien des „neuen Materialismus“. Der „neue Materialismus“ postuliert eine „neue Ontologie“ des „Lebens“, innerhalb der die Materie ihre eigene Vitalität hat, von der behauptet wird, dass sie die „binären“ Begriffe des dialektischen und historischen Materialismus verwische. Dieser Ansicht zufolge werden die materiellen Widersprüche zwischen Geschlecht, Sexualität, ‚Rasse‘ und Klasse als deleuzesche „Assemblagen“ repräsentiert, die sich aus „dem prekären, zufälligen, ungewissen, Vorteil suchenden, sich mühenden, dynamischen Zustand des Lebens in einer unordentlichen, komplizierten, widerstrebenden, brutalen Welt der Materialität“ (Grosz: The Nick of Time, Übers.: HG) ergeben. Auf dieser Grundlage werden die Krise des Kapitalismus und die erzwungene Anpassung von Millionen Frauen an die Diktate der Produktion zum Zwecke des Profits als Auswirkungen eines ontologischen Zustands des Lebens erklärt, oder – wie Lauren Berlant behauptet – „Wir sind alle bedingte Wesen und das Leben schreitet ohne Garantien voran“ („Precarity Talk“). Diese Ansicht reduziert den Feminismus auf die neoliberale Logik der irreduziblen Eigenheiten und übersetzt Leben innerhalb der Ruinen des Kapitalismus in eine neue Metaphysik und das zu einem Zeitpunkt, in dem Frauen als ausgebeutete Produzentinnen in das Arbeitskräftereservoir des Kapitalismus einbezogen und daraus wieder zurückgezogen wurden, um die Profitrate je nach Bedarf zu erhöhen. Wessen es heute bedarf ist ein Marxismus-Feminismus, der eine Geschlecht, Sexualität und kulturelle Unterschiede berücksichtigende Theorie der Arbeit vorantreibt, die in der marxschen Werttheorie und deren dialektischer Kritik des globalen Kapitalismus wurzelt.

Jennifer Cotter ist außerordentliche Professorin für Englisch am William Jewell College, Liberty, MO, USA. Sie ist spezialisiert auf Kritische Theorie und Weltliteratur. Ihre Schriften zu zeitgenössischem Feminismus erschienen in Zeitschriften wie der minnesota reviewCollege LiteratureTextual Practice, Nature, Science and Thought und (in polnischer Übersetzung) in Lewą Nogą. Sie ist Mitherausgeberin von Human, All Too (Post) Human: The Humanities after Humanism (2016) und vollendet gerade ein Buch über Feminismus und Materialismus in Zeiten der Biopolitik.

Jennifer Cotter

The Labor Theory of Gender: Marxist Feminism and the “Anti-Dialectics” of New Materialist Feminisms

Abstract Marxist feminism is revolutionary because of its theory of the dialectic of gender and class in which freedom for all women, not just privileges for some, has a necessary dialectical and material relation to freedom from class relations, imperialism, and the use of gender, sexuality, and cultural differences by capital as “instruments of labor” to raise or lower the rate of exploitation of the global workforces. The bourgeois feminisms that have emerged in the global North in the wake of the crisis of capital reject the dialectic of gender and class as the “metaphysics of labor” (Braidotti “Bios/Zoe”) and substitute theories of “new materialism.” “New materialism” posits a “new ontology” of “life” in which matter has its own vitality that is said to confound the “binary” terms of dialectical and historical materialism. In this view material contradictions of gender, sexuality, race, and class are represented as Deleuzian “assemblages” constituted by “the precarious, accidental, contingent, expedient, striving, dynamic status of life in a messy, complicated, resistant, brute world of materiality” (Grosz The Nick of Time). On these terms, the crisis of capitalism and the forced adjustment of millions of women to the dictates of production for profit are explained as the effects of an ontological condition of life or, as Lauren Berlant claims: “we are all contingent beings, and life proceeds without guarantees” (Precarity Talk). This view reduces feminism to the neoliberal logic of irreducible singularities and translates living within the ruins of capitalism into a new metaphysics at a moment when women have been pulled in and out of the workforces of capitalism as exploited producers to bolster the rate of profit. What is necessary today is a Marxist feminism that advances a labor theory of gender, sexuality, and cultural difference rooted in Marx’s labor theory of value and its dialectical critique of global capitalism.

Jennifer Cotter is associate professor of English at William Jewell College where she teaches critical theory and world literature. Her writings on contemporary feminism have appeared in journals such as the minnesota reviewCollege LiteratureTextual PracticeNature, Society, and Thought, and (in Polish translation) in Lewą Nogą. She has co-edited Human, All Too (Post)Human: The Humanities After Humanism (2016) and is currently completing a book on feminism and materialism in a time of bio-politics.

Gabriele Dietrich

Eine Blume an der Kette oder ein Tunnel der Befreiung?

Abstract Die Diskussion über Religion war Mitte der 80er Jahre in der indischen Frauenbewegung voll im Gang. Ein Unterschied wurde wahrgenommen zwischen „säkularen” Feministinnen (oft aus der Mittelklasse) und Frauen aus der Masse der Bevölkerung, die oft als „religiös” angesehen wurden. Es gab Bemühungen, diese Kluft zu überbrücken und sich gegenseitig verständlich zu machen. Die achtziger Jahre waren auch gekennzeichnet vom Kampf um ein säkulares, einheitliches Familiengesetz, das den Frauen mehr Gerechtigkeit bringen sollte als die religiösen Familiengesetze.

Dieser Kampf wurde bald von chauvinistischen religiösen Kräften manipuliert. Die Zerstörung der Babri Moschee in Ayodhya im Dezember 1990 verschlimmerte die Polarisierung zwischen Hindus und Muslims und führte zu stärkeren patriarchalen Einflüssen in den Religionen und zu vermehrter Kontrolle über das Leben von Frauen. Die religiöse Polarisierung erreichte eine neue Qualität mit den „gruppenidentitär motivierten” Angriffen auf Muslims und den Massakern im Februar 2002 nach dem Feuer im Zug in Godhra. Diese „gruppenidentitären“ Kräfte der Mehrheit sind inzwischen seit über zwei Jahren in der Zentralregierung an der Macht. Selbsternannte Ordnungshüter versuchen nun, eine „Hindu-Nation” zu schaffen, in der Kühe als „Mütter“ verehrt werden und ein Rindfleischverbot herrscht, während die Ordnungshüter über menschliches Leben und Tod entscheiden.

Diese bedrohliche Situation hat zu einer neuen Selbstbehauptung von Frauen angesichts der chauvinistischen und religiösen Kräfte geführt. Es hat z.B. Unruhen gegeben, in denen Frauen sich für ihr Recht auf Zutritt zu „heiligen “ Orten (Tempel, Dargas, Moscheen) und zur Teilnahme an Pilgerfahrten einsetzten. Kontroversen über „Reinheit“ und „Verschmutzung”, Menstruation und dgl. werden in der Öffentlichkeit in noch nie dagewesener Weise geführt. Muslimische Frauen haben ihre Unterhaltsforderungen aufgrund von säkularer Rechtssprechung durchsetzen können. Muslimische Bohra-Frauen kämpfen gegen Genitalverstümmelung. In verschiedenen Religionsgemeinschaften nehmen Frauen sich das Recht, religiöse Texte zu interpretieren. Sie schaffen neue Dynamiken der Unterwanderung, Übertretung und Transzendenz. Die in dieser Situation stattfindenden Aufstände von Dalits und Adivasis verleihen diesen Auseinandersetzungen eine starke progressive Ausrichtung.

Gabriele Dietrich ist eine führende Feministin der indischen Frauenbewegung, die ihr gesamtes Arbeitsleben in Südindien verbrachte, die meiste Zeit davon in als Professorin am in Tamil Nadu Theological Seminary, wo sie Gesellschaftsanalyse unterrichtete. Seit 1979 war sie in Frauenorganisationen im nicht-parteigebundenen Bereich engagiert. Sie hat zu Religion, Säkularismus und Gruppenidentitäten in Indien publiziert ebenso wie zur Schnittstelle von Kaste und Patriarchat und zu gesellschaftlicher Transformation durch von der Bevölkerung geschaffene Organisationen. Sie ist indische Staatsbürgerin.

Gabriele Dietrich

A Flower on the Chain or a Tunnel of Subversion? 

Abstract The engagement with religion in the Indian women’s movement was in full swing in the mid-80s, when a gap was perceived between “secular” feminists (often middle-class) and “ordinary” women, who were seen as being “religious”. There were attempts to bridge the gap. The eighties were also marked by the struggle for a secular “uniform civil code” which was hoped to be more gender-just than the religious family laws.

This struggle was then manipulated by chauvinist religious forces. The destruction of the Babri Masjid (mosque) in Ayodhya in December 1990 aggravated the religious polarization between Hindus and Muslims and led to a stronger influence of patriarchal forces in different religions and assertive patriarchal controls over women’s lives. Religious polarizations achieved a new quality with the communalist attacks on Muslims and the massacres of early 2002 in Gujarat after the Godhra train fire incident. In the meantime, the majority of communal forces have been in power at the centre for over two years. Self-appointed vigilantes try to create a “Hindu nation”, with cow worship and beef ban, and decide over people’s life or death.

This precarious situation has led to a new assertion of women vis-à-vis chauvinistic religious forces, e.g., there have been agitations for women’s rights to enter sacred places (temples, dargas, mosques) and to participate in pilgrimages. Controversies over purity and pollution, menstruation etc. have been carried out in the public sphere in unprecedented ways. Muslim women have asserted their rights to maintenance under secular laws and Bohra Muslim women are fighting against genital mutilation. Women contest the interpretation of religious texts in different religious communities. They create a new dynamic of subversion, transgression and transcendence. The assertion of Dalit and Adivasi forces in this situation gives a strong progressive direction to these contestations.

Gabriele Dietrich is a senior feminist in the Indian Women’s Movement, who has spent all her working life in South India, mostly Tamil Nadu, where she was a professor teaching Social Analysis at the Tamil Nadu Theological Seminary in Madurai. She has been involved with women’s organizations in the autonomous sector since 1979. She has published widely on religion, secularism and communalism in India, the interface of caste and patriarchy, and social transformation through people’s organizations. She is an Indian citizen.

Feride Eralp

Dekolonialer Feminismus und Frauenorganisierung gegen den Krieg in der Türkei und in Syrien 

 

Abstract Dieser Beitrag befasst sich mit den jüngsten und miteinander zusammenhängenden Entwicklungen in der Türkei und Nordsyrien aus einer Perspektive, die der Frage nachgeht, wie dieser Krieg „Männlichkeit“ formt und von dieser geformt wird und wie dies die Lage und den Kampf der Frauen inmitten hochrangiger internationaler Interessen, komplexer Regionalpolitiken und zunehmenden Spannungen und Feindseligkeiten beeinflusst. Zunächst werde ich eine allgemeine Übersicht über den Krieg in Nordkurdistan (Türkei) geben, mit seiner jüngsten Inkarnation als Belagerungen von verschiedenen Städten und wie dies zum Krieg in Syrien in weiterem Zusammenhang steht, der von unterschiedlichen Formen der Intervention des türkischen Staates in Westkurdistan (Rojava – Nordsyrien) begleitet ist. Dies verlangt, dass dieser Krieg als eine Form der Eroberung begriffen wird. Anschließend werde ich darlegen, wie dadurch eine Politik des Hasses und der Feindseligkeit geschaffen wird, die es dem Staat ermöglicht, diesen Krieg weiterzuführen und seine Politik des Autoritarismus ins Unermessliche zu steigern. Meine Frage ist: Was passiert mit Frauen inmitten dieser neuen Formen des Krieges und der grenzüberschreitenden Hasspolitiken? Wie können wir einen Bezug herstellen zwischen der Verbrennung einer Trans-Frau in Istanbul und der Fotoaufnahme von der nackten Leiche einer Guerillakämpferin in der türkischen Stadt Muş? Worin besteht die Verbindung zwischen der Bildersprache, die der ISIS weltweit von jesidischen Frauen in Umlauf gebracht und Selfies extrem misogyner Graffitis, die von türkischen Sonderkampfeinheiten an den Wänden belagerter Städte in Nordkurdistan (Türkei) angebracht werden? Wie leisten Frauen unter solchen Bedingungen Widerstand und wie bestehen sie in diesem Kontext darauf, ihr Leben wiederaufzubauen oder zu schützen? Und schafft dies einen Rahmen, in dem die Organisierung gegen den Krieg ein entschlossenes dekolonialistisches feministisches Anliegen sein muss? Mit diesen Fragen im Kopf werde ich zu erklären versuchen, wie Frauen sich gegen den Krieg in der Türkei organisieren und auf die (zeitweise äußerst belastenden) Beziehungen eingehen, die das für die kurdische Frauenbewegung zur Folge hat.

Feride Eralp ist Mitfrau der Frauenfriedensinitiative, des Istanbuler Feministischen Kollektivs und der Gruppe zur sofortigen Verhinderung der Tötung von Frauen in der Türkei. Nachdem sie ihr Studium der Anthropologie beendet hat, ist sie in die Türkei zurückgekehrt, wo sie während des Krieges in Kobanê als Freiwillige in der Grenzstadt Suruç im intensiven Einsatz war. Danach hat sie in verschiedenen Kriegsgebieten in Nordkurdistan (Cizre, Yüksekova, Nusaybin) Freiwilligenarbeit gemacht, wobei sie insbesondere in Prozessen des Wiederaufbaus von Städten nach langen Belagerungen tätig war. Neben dieser Arbeit hat sie als feministische Aktivistin Menschen gegen den Krieg des türkischen Staates gegen die Kurd/innen mobilisiert.

Feride Eralp

Decolonial Feminism and Women’s Organizing against War in Turkey/Syria

 

Abstract This presentation shall focus on the recent and interconnected developments in Turkey and Northern Syria, with a perspective that foregrounds how this war shapes and is shaped by masculinity, and how this affects the position and struggle of women in the midst of high-level international interests, complex regional politics, and ever intensifying tensions and animosities. I will start by laying out a general cartography of the war in Northern Kurdistan (Turkey), with its latest incarnation as sieges on various towns, and how it is related to the broader framework of the war in Syria, with different forms of Turkish state intervention in Western Kurdistan (Rojava – Northern Syria). This calls for a general understanding of this war as a form of conquest. Later, I will argue how this creates a politics of hate and animosity, which further enables the state in its continuation of this war and all-over increase of authoritarianism. My question is what happens to women in the midst of these new forms of war and cross-border politics of hate? How may we relate burning a trans woman to death in Istanbul to taking naked pictures of a dead guerilla woman’s body in the Kurdish town of Muş? What is the link between the imagery circulated globally by ISIS with regards to, say, Êzidî women and selfies of highly misogynist wall writings by Turkish special operation forces (not only produced, but also circulated by themselves) in towns under siege in Northern Kurdistan (Turkey)? How do women resist, insist on rebuilding, recreating or protecting their lives in this context? And does this create a framework in which organizing against war must be a decidedly decolonial feminist issue? With these questions in mind, I will attempt to explain how women organize against the war in Turkey and the (at times fraught) relationships this has with the Kurdish women’s movement.

Feride Eralp is a member of the Women’s Initiative for Peace, the Istanbul Feminist Collective and the Group for the Emergency Prevention of the Killing of Women in Turkey. After finishing her studies in the field of anthropology, she returned to Turkey and worked extensively as a volunteer in Suruç (a border town), during the war in Kobanê. Following this, she has volunteered in various war zones in Northern Kurdistan (Cizre, Yüksekova, Nusaybin), during rebuilding processes after long sieges. She has participated in this work, and other organizing against the war waged by the Turkish state on Kurds as a feminist activist.

Khayaat Fakier

Reflektionen zur marxistisch-feministischen Organisierung in Südafrika

Abstract Dieser Vortrag bezieht seine Erkenntnisse von einer Initiative, die sich „Der Feministische Tisch” nennt. Wir haben sie vor fünf Jahren gestartet, um die Mehrfachkrisen, die Frauen der Arbeiterklasse in der südafrikanischen Gesellschaft zu bewältigen haben, aufzugreifen. An den jährlich stattfindenden Feministische-Tisch-Workshops nehmen ungefähr sechzig Frauen aus Basisbewegungen aus ganz Südafrika teil. Für diese Frauen ist Feminismus mehr eine Lebensweise als eine Form der Politik. Dies bedeutet, dass eine Umarbeitung des nördlichen Marxismus-Feminismus notwendig ist, um das Erbe von Kolonialismus und Apartheid erfassen zu können. Der Beitrag argumentiert, dass die Care-Arbeit, die diese Frauen außerhalb des Marktes an zwei spezifischen Orten verrichten, nämlich im Haushalt und in ihrer Umwelt, ein transformatives Potential enthält. Der Fokus liegt auf der Bedeutung, die Institutionen und Praktiken außerhalb des Kapitalismus zukommt, wie z.B. gemeinschaftlichen Lösungen für Kinderbetreuung; Kooperativen, auf denen ökologische Landwirtschaft betrieben wird; Großeinkäufen; dezentralisierter und von den Gemeinden kontrollierter Versorgung mit erneuerbarer Energie; der Gründung von „Restaurants für das Volk“; dem Austausch von Samen – nur um einige Beispiele zu nennen. Der Beitrag legt dar, dass diese kollektiven Lösungen den Keim eines ökologischen und sozialistischen Feminismus enthalten könnten.

Khayaat Fakier ist Dozentin an der Stellenbosch University / Südafrika, wo sie Studierende in den Fachbereichen Arbeitssoziologie und Mirgrationssoziologie unterrichtet. Ihre Arbeit wurde in zahlreichen Zeitschriften, u.a. in Antipode und dem International Feminist Journal of Politics veröffentlicht. Vor kurzem hat sie Socio-Economic Insecurity in Emerging Economies: Building New Spaces (Routledge) mitherausgegeben.

Khayaat Fakier

Reflections on Marxist -Feminist Organising in South Africa

Abstract This paper draws on insights from an initiative we established five years ago called “The Feminist Table”, to address the multiple crises working class women experience in South African society. Annual Feminist Table workshops involve about sixty women from grassroots organisations around South Africa. For these women feminism is a way of life rather than a form of politics. This implies that a re-working of Northern Marxist feminism to address the legacy of colonialism and apartheid is necessary. The paper argues that the care work these women do outside the market in two specific spaces: the household and the environment, contains a transformative potential. The emphasis is on the importance of building institutions and practices outside of capitalism, such as co-operative arrangements for childcare; agro-ecology co-operatives; bulk buying; decentralized, community-controlled forms of renewable energy; the development of ‘people’s restaurants’; and seed-sharing, to mention a few examples. The paper argues that these collective arrangements could contain the embryo of an eco-socialist feminism.

Khayaat Fakier is a senior lecturer at the University of Stellenbosch, where she teaches and supervises students in the sociology of work and the sociology of migration. Her work has been published in journals such as Antipode and the International Feminist Journal of Politics. She has recently co-edited a volume titled Socio-Economic Insecurity in Emerging Economies: Building New Spaces, published by Routledge.

Tucker Pamella Farley

Neoliberalismus, Intersektionalität und die globale, von Lesben angeführte Bewegung: Gruppen in Aktion

Abstract Weltweit sind fortschrittliche, von Lesben angeführte Bewegungen und ihre Gemeinschaften nicht nur die Hauptleidtragenden der reaktionären, neoliberalen Angriffe, die sich als populistische Bewegungen maskieren, während ihre Protagonisten zugunsten ihres privaten Gewinns öffentliche Vermögenswerte einstreifen; sie organisieren sich auch bewusst gegen die organisierte Rechte und schließen fortschrittliche Bündnisse, um sich ihr entgegenzustellen und eine gerechtere Gesellschaft zu gestalten.

Ich reflektiere kurz darüber, wie die aktivistische, lesbische und feministische Bewegung von ihren ersten Anfängen an der gegenwärtigen internationalen feministischen Praxis der Intersektionalität Impulse und Einsichten zur Verfügung gestellt hat.

Diese Abstammungslinie verorte ich in der zunehmenden Verschiebung des Kapitals von einem Stadium zum nächsten, wo das intersektionale Modell der Organisierung zugunsten gesellschaftlicher Veränderung dem jüngsten Stadium der globalen Finanzialisierung der gesellschaftlichen Akkumulationsstruktur entspricht. Ich behaupte, dass in diesem Stadium die Sammlung von und Arbeit mit unterschiedlich zusammengesetzten unzufriedenen Gruppen in fortschrittlichen Bündnissen das geeignete Vorgehen für marxistische Feministinnen ist.

Tucker Pamella Farley ist emeritierte Professorin des Brooklyn College der City University of New York. Sie ist Aktivistin und Wissenschaftlerin. Farley entwickelte das erste Women’s Studies Program, das Studentinnen Kredit bis zum Studienabschluss gewährte. Sie gründete das erste Frauenzentrum am Campus und das Projekt ‚Chance für wiedereinsteigende Frauen‘; des Weiteren die National Women’s Studies und New York Women’s Studies Associations. Sie hat eine LGBT-Gruppe an der CUNY (City University of New York) organisiert. Zusammen mit dem Komitee für Lesbian und Gay Studies hat sie CLAGS am Graduate Center der City University of New York mitbegründet. Ihre Werke erschienen sowohl in den USA als auch im Ausland. Seit 1962 ist sie Mitfrau der Marxistisch-Feministischen Gruppe 1 (MF 1). Außerdem ist sie die erste Frau, die an US-Tanzwettbewerben in West Coast Swing teilgenommen hat.

Tucker Pamella Farley

Neoliberalism, Intersectionality and Lesbian-led Movement Globally: Groups in Action

Abstract Progressive lesbian-led organizations and their communities globally are not only taking the brunt of reactionary, neoliberal attacks masquerading as populist movements while gutting public assets for private profit; but they are also consciously organizing against the organized Right and building progressive alliances to resist them and shape a more equitable society.

I reflect briefly on how the activist lesbian feminist movement from its earliest days has provided impetus and insights to the development of the current international feminist practice of intersectionality.

I situate that lineage in the growing shift of capital from one stage to another, where the intersectional model of organizing for social change fits the latest stage of global financialization of the Social Structure of Accumulation. In this stage I argue that calling on and working with multiply constituted disaffected groups in progressive alliance is appropriate for Marxist Feminists.

Tucker Pamella Farley, Professor Emerita, City University of New York, Brooklyn College. Activist Scholar. Farley developed the first Women’s Studies Program to grant degree credit, the first campus Women’s Center, and Project Chance for Returning Women; worked to found the National Women’s Studies and New York Women’s Studies Associations; organized CUNY-wide LGBT group; with the Committee for Lesbian and Gay Studies co-founded CLAGS at the City University of New York Graduate Center.  Farley has published in the US and abroad. Member Marxist-Feminist Group I since 1962; first west coast swing leader dancing competitively in USA.

Ann Ferguson

Die führende Rolle von Frauen, das Recht auf Care und andere revolutionäre Reformen in den Vereinigten Staaten 

Abstract In den heutigen USA kommt den Frauen eine führende Rolle beim Einfordern revolutionärer Reformen zur Bekämpfung der neoliberalen kapitalistischen Globalisierung und der Oligarchie der Konzerne zu. Das unter weißer Vorherrschaft stehende kapitalistische Patriarchat ist in eine auf mehreren Ebenen stattfindende Care-Krise verstrickt, die es nicht zu lösen imstande ist. Ich bringe Beispiele für Aktionen, die von radikalen Arbeiter/innen, antirassistischen, feministischen, Gemeinde- und Umweltaktivistinnen durchgeführt wurden, um die sich abzeichnende marxistisch-feministische Strategie zu beschreiben, die in der Bildung von Bündnissen besteht. Diese Bündnisse haben sich rund um die radikale Forderung nach einem Recht zu pflegen und ein Recht, gepflegt zu werden gebildet, welches nicht nur Familienmitglieder, sondern auch Communities und die Umwelt mit einbezieht.

Ann Ferguson ist emeritierte Professorin für Philosophie und Women, Gender und Sexuality Studies an der Universität von Massachusetts in Amherst. Sie hat fünf Bücher zu feministischer Theorie veröffentlicht, deren bekanntestes Sexual Democracy: Women, Oppression and Revolution (Westview Press, 1991) ist. Sie ist beratende Herausgeberin von Against the Current, einer sozialistischen Zeitschrift, die Koordinatorin des Beirats von Arise for Social Justice, einer Gruppe, die sich in der Gemeinde von Springfield, MA für die Rechte armer Menschen einsetzt, und eine Umweltaktivistin.

Ann Ferguson

Women’s Leadership, the Right to Care and Revolutionary Reforms in the United States

Abstract Women’s leadership to demand revolutionary reforms is central to challenging neoliberal capitalist globalization and the corporate oligarchy in the US today. US white supremacist capitalist patriarchy is enmeshed in a multi-level care crisis which it cannot resolve. I use examples from radical workers, anti-racist, feminist, community and environmental activism to highlight an emerging Marxist-feminist strategy of creating alliances around a radical right to care and be cared for, not only for and by family, but for and by communities and the environment.

Ann Ferguson is professor emerita of Philosophy and Women, Gender, Sexuality Studies at the University of Massachusetts at Amherst. She has published five books on feminist theory, the most well-known is Sexual Democracy: Women, Oppression and Revolution (Westview Press, 1991). She is an advisory editor for Against the Current, a socialist journal, the coordinator of the Arise for Social Justice Advisory Board, a community organizing group for poor people’s rights in Springfield MA, and an environmental activist.

Elmar Flatschart

Der formanalytische Marxismus und die Theorie der Wertabspaltung

Abstract Die Tradition des deutschen formanalytischen Marxismus gewinnt auch in der englischsprachigen materialistischen Debatte mehr und mehr an Bedeutung. Die Stärke dieser Tradition ist ihre theoretische Schärfe und ihr analytisches Potential – sie bewegt sich auf einer sehr abstrakten Ebene und erklärt den ,idealen Durschnitt’ der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer ökonomischen und politischen Formen. Die Formanalyse ist ein wertvolles Instrument, wenn es um die Untermauerung konkreterer und komplexerer Forschungsprojekte geht. Ihre Weigerung, praktisch-politische und theoretisch-analytische Agenden zu vereinigen hat kontroverse Debatten evoziert, zweifellos vermeidet die Trennung jener Agenden aber zahlreiche Probleme des traditionellen Marxismus.

Die Wertformanalyse war allerdings stets eine sehr ‚männliche’ Angelegenheit – sowohl was die Akteur_innen betrifft als auch die Forschungsschwerpunkte. Der dabei zutage tretende androzentrische Universalismus muss aus feministischer Sicht kritisiert werden. Darüber hinaus ist es auch theoretisch notwendig, die umfassende Verschränkung von Kapitalismus und Patriarchat zu berücksichtigen. Der einzige komplexe und schulbildende Versuch, die Wertformanalyse mit marxistisch-feministischen Ansätzen zu verknüpfen stammt von Roswitha Scholz. Ihr Konzept der Wert-Abspaltung verbindet ein breites Set an materialistischen, symbolischen und psychoanalytischen Facetten. Ich werde es präsentieren und im Verhältnis zu unterschiedlichen Ansätzen der Wertformanalyse besprechen.

Elmar Flatschart studierte Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung in Wien und Frankfurt a.M. und promovierte 2014 zum Thema kritisch-dialektischer Gesellschaftstheorie. Interessens- und Forschungsgebiete sind Wissenschaftsphilosophie, materialistisch-feministische Gesellschaftstheorie und Theorien des Naturverhältnisses sowie Theorien der emanzipatorischen Praxis. Er ist derzeit Lektor an der Universität Wien. Kommende Publikation: (2016) Crisis, Energy, and the Value Form of Gender. In: Brent, Bellamy/Diamanti, Jeff [Ed.]: Marxism and Energy. MCM’ Press, Chicago (i.E.)

Elmar Flatschart

Form-Analytic Marxism and the Value-Dissociation-Theorem

Abstract The tradition of German value-form-analytic Marxism is currently gaining impact in the materialist debate in English-speaking countries. The strength of this tradition lies in its theoretic incisiveness and analytic potential – it moves on a very abstract level and explains the ‘ideal average’ of capitalist society and its economic and political forms. Form analysis is a valuable tool for underpinning more concrete and complex research projects. Its refusal to combine practical-political and theoretical-analytical agendas has evoked controversial debates, but the separation of these agendas doubtlessly avoids numerous problems of traditional Marxism.

Value-form-analysis has always been a very ‘masculine’ affair with regard to both its protagonists and its research focuses. The androcentric universalism showing itself in that must be criticised from a feminist point-of-view. Moreover, it is also necessary from a theoretical perspective to take into account the comprehensive interdependence of capitalism and patriarchy. The only complex and formative attempt at linking value-form-analysis to Marxist-feminist approaches was undertaken by Roswitha Scholz. Her concept of value-dissociation combines a broad set of materialist, symbolic and psychoanalytic facets. I am going to present this concept and discuss it in relation to different approaches of value-form-analysis.

Elmar Flatschart studied Political Science and International Development in Vienna and Frankfurt a.M. and finished his dissertation on critical-dialectical theory of society in 2014. His research interests are philosophy of science, materialist feminism, theories of society-nature relations and questions of emancipatory praxis. He is currently lecturer at the University of Vienna. Upcoming publication: (2016) Crisis, Energy, and the Value Form of Gender. In: Brent, Bellamy/Diamanti, Jeff [Eds.]: Marxism and Energy. MCM’ Press, Chicago.

Jules Gleeson

Der byzantinische Eunuch als vormoderne Gender-Kategorie: ein Testfall für den materialistischen Feminismus & die ‚Drei Schulen‘

Abstract Dieser Beitrag beleuchtet die Geschlechterverhältnisse der Vormoderne, wobei im Besonderen die byzantinischen Eunuchen als lehrreicher Fall einer Kategorie angesehen werden, die einerseits aufgrund ihrer Rolle im Staat historisch reproduziert wurde, andererseits dabei aber gleichzeitig eine irritierende Position einnahm. Historiker/innen sind sich nicht sicher, wie sie Eunuchen (die männliche Pronomen verwendeten und sowohl in der Armee als auch in der Geistlichkeit willkommen waren, andererseits aber nicht heiraten durften und laut der uns überlieferten Quellen oftmals Verunglimpfungen ausgesetzt waren) kategorisieren sollen. Ich schlage vor, diesen Stillstand mit Hilfe der materialistisch-feministischen Theorie zu überwinden. Im Besonderen scheint es ihr Dienst im bürokratischen Staat gewesen zu sein, der die Grundlage für Generationen von Eunuchen schuf, die Zeit zu überdauern. Unter Bezugnahme auf Kathryn Ringrose betrachte ich Eunuchen als eindeutiges Beispiel für die ‚Konstruktion von Geschlecht‘, welche beide naturalisierenden, dyadischen Annahmen in Frage stellt.

In den letzten Jahren war der marxistische Feminismus durch die Debatte über ‚gesellschaftliche Reproduktion‘ bestimmt. Vieles wurde an der Vorstellung des im Kapitalismus aufgehenden (oder sich zumindest im Prozess der Auflösung befindlichen) Patriarchats festgemacht, dass nur ein Blick auf vorkapitalistische Geschlechtersysteme unser Verständnis dieser vorgeblichen „drei Schulen“ (Arruzza 2014) beschleunigen kann. Dieser Zugang macht es scheinbar notwendig, das ‚Patriarchat‘ auf vorkapitalistische Bedingungen (die sowohl in den ‚unitären‘ und in den ‚indifferenten‘ Schulen und ihren Behauptungen implizit vorhanden sind) zurückzuprojizieren, ohne dabei auszuführen, wie das ehemals vorherrschende ‚patriarchale System‘ aussah. Eine Fortsetzung dieser Debatte wird ohne eine marxistisch-feministische Untersuchung des ‚Patriarchats‘ als eines historisch verortbaren Systems nicht möglich sein. Dieser Beitrag wird die Aussichten eines solchen Projekts einschätzen.

Ich werde  untersuchen, wie gut sich die Sichtweise auf Eunuchen einerseits als Beteiligte und andererseits als durch die Anforderungen der gesellschaftlichen Reproduktion kulturell Reproduzierte zur Erklärung eignet oder ob deren Existenz nicht doch eher zeigt, dass Produktionsweisen (schließlich) doch ‚indifferent‘ sind.

Jules Gleeson ist eine aus London stammende und heute in Wien lebende vergleichende Geschichtswissenschaftlerin, die sowohl an der Universität Wien als auch für das FOVOG Forschungszentrum in Dresden arbeitet. Sie studierte Geschichte (BA Cantab) am Jesus College, Cambridge und hat am King‘s College in London ein Masterstudium in Spätantike und Byzantinistik absolviert. In ihrem aktuellen Projekt analysiert sie die Gründung der Klöster auf dem Berg Athos, wobei sie insbesondere die Anwendung der vergeschlechtlichten Ideale und Zutrittsbeschränkungen interessiert, mit denen die Mönche ihre institutionelle Ideologie rechtfertigen. Vor kurzem hat sie im Ritual Magazine unter dem Titel Kinderkommunismus eine analytische Polemik veröffentlicht, in der sie die Abschaffung der Familie vorschlägt; in Vorbereitung ist – ebenfalls für das Ritual Magazine – ein Beitrag zum Verfall der Städte in Syrien und ein weiterer zum Verhältnis zwischen Transgender-Politik und der Abschaffung der Geschlechter für das Viewpoint Mag. Ihre Interessen umfassen die unterschiedlichen Zugänge zur marxistischen Theorie, Mystizismus (insbesondere die Entwicklung des Neuplatonismus) und Geschlechtertheorie. An verschiedenen Orten – u.a. auf der Konferenz zu Historischem Materialismus (2013) und auf der Internationalen Mittelalter-Konferenz in Leeds (2014) – hat sie zur Geschichte der Eunuchen referiert.

Jules Gleeson

The Byzantine Eunuch as a Pre-Modern Gender Category: a Test for Materialist Feminism & the ‘Three Schools’

Abstract This paper will introduce a consideration of pre-modern gender relations, specifically looking at Byzantine eunuchs as an instructive case of a category which was both historically reproduced through its role in the state, and occupied a troubling position. Historians remain unsure how best to categorise eunuchs (who used male pronouns and were welcome in the military or clergy, but were forbidden to marry and often denigrated in our remaining sources). I will suggest this impasse can be resolved through materialist feminist theory. Specifically, their service to the bureaucratic state appears to have served as an inter-generational basis for eunuchs to be created across time. Drawing on the work of Kathryn Ringrose, I will consider eunuchs as an unmistakable instance of ‘gender construction’, which accordingly calls into question both naturalising, dyadic assumptions.

In recent years, Marxist feminist has come to be characterised by discussion of ‘social reproduction’. Much has come to rest on the idea of patriarchy ‘dissolving’ (or at least being in the process of dissolving) into capitalism that only a view of pre-capitalist gender systems can advance our grasp of these purported ‘three schools’ (Arruzza 2014). This approach seemingly requires displacing ‘patriarchy’ onto pre-capitalist conditions (implicit in both the ‘unitary’ and ‘indifferent’ schools, and their claims), without outlining what the previous prevailing ‘patriarchal system’ looked like. Continuing this debate will not be possible without Marxist Feminist examination of ‘patriarchy’ as a posited historical system. This paper will contribute to assessing the prospects of such a project.

I will review how well seeing eunuchs as both participants and cultural reproduced by the demands of social reproduction serves as an explanation, and whether they instead demonstrate that ‘modes of production’ are (ultimately) ‘indifferent’, after all.

Jules Gleeson is a comparative historical researcher originally from London, based in Vienna (studying at the University of Vienna while also working for Dresden’s FOVOG research centre). She previously studied History (BA Cantab) at Jesus College, Cambridge and a Masters in Late Antique & Byzantine Studies at King’s College London.

Her current project is analysing the foundation of monasteries at Mount Athos, and particularly their use of gendered ideals and entry restrictions to define their institutional ideology. She has most recently published an analytic polemic proposing the abolition of the family, Kinderkommunismus, and has forthcoming pieces on urban degradation in Syria for Ritual Magazine, and the relationship of transgender politics to gender abolition for Viewpoint Mag. Her interests are differing approaches to Marxist theory, mysticism (particularly the development of Neoplatonism), and gender theory. She has spoken on the history of eunuchs at venues ranging from Historical Materialism conference (2013), to Leeds International Medieval Conference (2014).

Ana González

Die argentinische Frauenbewegung: Frauenrechte und soziale Gerechtigkeit aus einer lateinamerikanischen Perspektive

Abstract Diese Präsentation stellt die Entstehung der feministischen Bewegung in Argentinien und ihre Verzweigung in unterschiedliche Richtungen aus einer kritischen Perspektive dar. Dabei wird der Bogen von den sozialistischen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ihrem Kampf um politische Rechte bis heute gespannt, wo wir eine gewaltige feministische Mobilisierung in Form einer Vielzahl von politischen Organisationen erleben, die den Kampf um weibliche Autonomie und Befreiung mit jenem um soziale Gerechtigkeit und Anti-Imperialismus verbinden. Dieser Perspektive liegt die Annahme eines eigenen lateinamerikanischen Standpunktes zugrunde. Sie arbeitet den Unterschied heraus zwischen Marxismus als Methode der Analyse und Marxismus als einer Form historischer und politischer Identitäten, was die Anerkennung von Klassen- ebenso wie von ethnischen Gegensätzen unter Frauen mit umfasst. Dies macht es notwendig, den Prozess und die Bündnisse, in denen die jeweils anderen sich befinden ebenso wie die unterschiedlichen Forderungen zu respektieren, die neben den gemeinsamen existieren.

Ana González ist eine feministische Sozialanthropologin aus Argentinien. Ihre Spezialgebiete sind die Menschenrechte von Frauen und der indigenen Bevölkerung und ökonomische, soziale und kulturelle Rechte. Sie ist Professorin an der Buenos Aires National University. Ehemals wir sie die Vertreterin der Vereinten Nationen im guatemaltekischen Friedensprozess (MINUGUA) und Mitglied der Forschungsgruppe der CEH (Kommission zur Aufklärung der Geschichte) zum guatemaltekischen Genozid. Außerdem war sie Funktionärin des Staatlichen Instituts für Indigene Angelegenheiten und Menschenrechtsbeauftragte.

Sie ist Aktivistin der argentinischen feministischen Bewegung und hat mit armen und marginalisierten Frauen ebenso wie mit Bäuerinnen und indigenen Frauen aus Argentinien, Mexiko und Guatemala gearbeitet.

Ana González

The Argentinian Feminist Movement: Women’s Rights and Social Justice in a Latin-American Perspective 

Abstract This presentation intends to show, from a critical point-of-view, the development of the feminist movement in Argentina and its diverse trends: from the socialist women at the beginning of the twentieth century and their struggle for political rights to nowadays, where we experience a massive mobilizing of feminism by a variety of popular and political organizations that merge the strife for women’s autonomy and liberation with social justice and anti-imperialism. This perspective assumes a Latin-American point of view. It develops the difference between Marxism as a method of analysis and Marxism as a form of historical and political identities, which includes the recognition of class and ethnic differences between women. This requires the need to respect each other’s processes, alliances, and common as well as diverse demands.

Ana González is an Argentinian feminist social anthropologist. Specialist on human rights of women, indigenous people and economic, social and cultural rights. Professor at Buenos Aires National University. Former United Nations agent at the Guatemala´s peace process (MINUGUA) and member of the researcher group of the Guatemala Clarification Commission (CEH) about the Guatemalan genocide. Former state functionary at the National Indigenous Affairs Institute and National Human Rights Secretary. Activist of the Argentinian feminist movement, who has worked with poor and marginal women, peasant and indigenous women in Argentina, Mexico and Guatemala.

Catia Gregoratti

Feministische Fragen bei Antonio Gramsci

Abstract Innerhalb der letzten drei Jahrzehnte erfuhr die politische Theorie Antonio Gramscis ein Revival noch nie dagewesenen Ausmaßes, was die theoretischen Entwicklungen in so unterschiedlichen Disziplinen wie Soziologie, Geografie, internationale Beziehungen und internationale politische Ökonomie ebenso wie eine Anzahl interdisziplinärer Fachstudien wie bspw. Cultural Studies und Postcolonial Studies beeinflusst hat. Feministinnen verschiedener Traditionen haben sich ebenfalls mit Gramscis ambivalenter Behandlung der „Frauenfrage“ auseinandergesetzt. Frühere Stimmen haben ein Auseinanderklaffen zwischen Gramscis konkreten Versuchen, Arbeiterinnen in politische Aktivitäten miteinzubeziehen, z.B. in jene der Partei, in die Publikatiostätigkeit und die Fabriksräte einerseits, und seinen zum Teil archaischen und nur gelegentlich geäußerten theoretischen Überlegungen zu Frauen andererseits konstatiert. Jüngere Beiträge haben angemerkt, dass Gramscis Schriften möglicherweise in Richtung einer Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion, Sexualität und Frauenemanzipation deuten. Genauere Lektüren von Gramscis vor und während seiner Gefängnisjahre entstandenen Schriften belegen, dass der sardinische Theoretiker und politische Aktivist Einblicke in das kritische Selbstkonzept von Frauen und ihre Befreiung von patriarchalen Unterdrückungsstrukturen geliefert hat – zwei zentrale Voraussetzungen für die Kämpfe vieler feministischer Bewegungen, die zwischen 1960 und 1970 entstanden sind und bis heute andauern. Mein Beitrag bietet einen Einblick in diese Debatten im Hinblick auf die Frage, wie bzw. auf welche Arten die Arbeit mit Gramscis Denken zum vielstimmigen Repertoire der marxistisch-feministischen Theorie beitragen kann.

Catia Gregoratti ist Lehrbeauftragte für Politik und Entwicklung am Institut für Politikwissenschaft der Universität Lund, Schweden. Ihre Forschung betreibt sie im Bereich der kritischen internationalen politischen Ökonomie, wobei sie u.a. über UN-Geschäftspartnerschaften, über transnationale Partnerschaften zur Ermächtigung von Frauen und, zuletzt, über den Geschäftsszenario Geschlechtergerechtigkeit und seine Anfechtung geforscht hat.

Catia Gregoratti

Antonio Gramsci’s Feminist Questions

Abstract Within the past three decades Antonio Gramsci’s political theory has witnessed a revival of unprecedented proportions, influencing theoretical developments in disciplines as diverse as sociology, geography, international relations and international political economy, as well as a number of interdisciplinary area studies such as cultural studies and post-colonial studies. Feminists from different disciplinary traditions have also engaged with Gramsci’s ambivalent treatment of the “woman question”. Early commentators lamented a rift between Gramsci’s concrete attempts to engage women workers in political activities, e.g. in the party, within the party’s publications and in factory councils, and his archaic and occasional theoretical reflections on women. More recent interventions have alluded to the possibility of Gramsci’s writings gesturing towards a theory of social reproduction, sexuality and women’s emancipation. Closer readings of Gramsci’s pre-prison and prison writings credit the Sardinian theorist and political activist for offering insights on women’s critical conception of the self and on their liberation from patriarchal structures of oppression – two central premises of the struggles of many feminist movements that emerged in the 1960s and 1970s and that carry on in the present. This paper reviews these debates with the view of establishing how, and in what ways, working with Gramsci’s thought can contribute to the polyphonic repertoire of Marxist-feminist theory.

Catia Gregoratti is a lecturer in Politics and Development at Lund University. Her research is situated within the field of critical international political economy. She has conducted research on UN-business partnerships, transnational partnerships for women’s empowerment and, more recently, on the business case for gender equality and its contestation.

Marina Gržinić

Marxistisch-feministische Perspektive: vom ehemaligen Jugoslawien zum neoliberalen, faschistischen Europa

Abstract Ich befasse mich mit der Geschichte der marxistisch-feministischen Perspektive, wie sie von den 1960er Jahren bis heute im Raum des heutigen Jugoslawien präsent war, wobei ich die territoriale Fragmentierung Jugoslawiens und seine Entwicklung hin zum gegenwärtigen neoliberalen und turbokapitalistischen Zustand reflektieren möchte. Dabei werde ich gleichzeitig auf die gegenwärtige Lage des Feminismus in Europa, insbesondere auf seine ausschließenden Praxen und Politiken, eingehen. Europa ist blind gegenüber den Ursachen von Migration und „Flüchtlingskrisen“. Der Feminismus muss daher seine Agenden zum Verhältnis von Kapital und Arbeit, von Kontrolle und Freiheit neu überdenken.

Marina Gržinić ist Philosophin, Theoretikerin und Künstlerin aus Ljubljana und arbeitet seit 2003 als Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Ihre Arbeit umfasst Ideologietheorie, Technologietheorie, Bio-/Nekropolitik und Transfeminismus in Verbindung mit Dekolonialität. Grzinic implementiert ihre Forschungsergebnisse regelmäßig in Bildungsprozesse, insbesondere in den künstlerischen Disziplinen, und ist in unterschiedlichen Kämpfen gegen Enteignungsprozesse, Rassismus und brutale Diskriminierung involviert. Seit 1982 ist sie als Videokünstlerin aktiv, wobei sie – gemeinsam mit der Künstlerin und Kunsthistorikerin Aina Smid aus Ljubljana – Installationen und performative Interventionen durchführt.

Marina Gržinić

Marxist-Feminist Perspective:  from Former Yugoslavia until Neoliberal Fascist Europe

Abstract I want to elaborate on a history of the Marxist-Feminist perspective that was present in the space of former Yugoslavia from the 1960s on until today, reflecting the fragmentation of Yugoslavian territory and its development toward its contemporary turbo neoliberal capitalist condition. In doing so, I will as well rethink the position of feminism today in contemporary Europe that develops exclusionary practices and policies. Europe is turning a blind eye to causes of migration and the “refugee crises”. Feminism therefore has to revisit its agendas regarding relations of capital and labor, control and freedom.

Marina Gržinić is a philosopher, theoretician and artist from Ljubljana working at the Academy of Fine Arts in Vienna since 2003. Her work is directed towards a theory of ideology, theory of technology, biopolitics/necropolitics, and transfeminism in connection with decoloniality. Grzinic regularly implements her research results in the processes of education, especially art disciplines, and engages in different struggles against processes of dispossession, racism, and brutal discrimination. Grzinic has been active as a video artist since 1982, making installations and performative interventions in collaboration with the artist and art historian Aina Smid from Ljubljana.

Friederike Habermann

Queering the World Altogether

Abstract A queer-feminist and postcolonial application of the Gramscian theory of hegemony reveals that categories like sex and race are constructed in the struggle for dominance; I call this approach subject-based hegemony theory (Habermann 2008).

While (male/ white/ …) privileged subjects are actively (and be it unconsciously) performing this re/construction of identity categories in order to re/establish their privileges, nevertheless sexist/ racist/… behaviour is intrinsically related to economic conditions; e.g., care work is less profitable than productive labour, therefore the tendency remains to delegate it to people who (in this process) are re/constructed as a subordinated category of identity. While in Fordism these have been women, under post-fordist conditions (and also as a result of the women’s movement) this is shifting to migrants.

How can these insights help to build bridges to and between movements? There are obvious connections to three. First, the anti-racist and migrant movement. Second, the care movement; in Austria and Germany known as ‘Care Revolution’. And third, the commons movement, because only a society that stops the logic of exchange can overcome the division between productive and reproductive work.

Given that traditional forms of politics based on the belief in sudden changes (‘revolution’) have proved insufficient, the insight of the interdependency of our identities with material conditions reveals the necessity to queer both our identities and our society in a common process. Since these movements belong to the most exciting forces of transformation nowadays, their further enrichment with Marxist and feminist analysis will expand the possibilities of transformation.

Friederike Habermann is an author, activist and free-lance academic as well as an economist, historian and political scientist. Her most recent publication: Ecommony. UmCARE zum Miteinander (ed. by Stiftung Fraueninitiative, Sulzbach 2016).

Friederike Habermann

Die Welt queeren – in einem gemeinsamen Prozess

Abstract Eine queerfeministische und postkoloniale Weiterentwicklung des gramscianischen Ansatzes zeigt, dass sexistische, rassistische etc. Identitätskategorien im Ringen um Hegemonie (und Emanzipation) konstruiert werden; ich spreche hierfür von ‚subjektfundierter Hegemonietheorie’ (Habermann 2008).

Während (männliche/ weiße/ …) privilegierte Subjekte diese Identitätskategorien aktiv (und sei es unbewusst) re/konstruieren, um Privilegien zu legitimieren, ist ein solches sexistisches/ rassistisches/… Verhalten untrennbar von ökonomischen Strukturen. So sind zum Beispiel Reproduktionstätigkeiten (‚care’) nicht im gleichen Maße wie produktive Arbeit rationalisierbar und damit profitabel; hierdurch besteht die Tendenz, solche Aufgaben Menschen aufzutragen, die (in diesem Prozess) als untergeordnete Identitätskategorie re/konstruiert werden. Waren dies zu Zeiten des Fordismus Frauen, so verschiebt sich dies unter postfordistischen Bedingungen (und auch als Ergebnis der Frauenbewegung) zu Migrant(_)innen.

Wie können diese Überlegungen helfen, die Brücken zwischen Bewegungen zu stärken? Offensichtliche Verbindungen bestehen zu dreien: Erstens zur anti-rassistischen, zweitens zur feministischen unter dem Slogan ‚Care Revolution’ und drittens zur Commons-Bewegung; letztere deshalb, da nur eine Gesellschaft, welche die Logik des Äquivalenztausches hinter sich lässt, auch die Aufteilung in produktive und reproduktive Tätigkeiten überwinden kann.

Der Glaube an abrupte Veränderungen (‚Revolutionen’) hat sich als unzureichend erwiesen. Die Einsicht in die Interdependenz unserer Identitäten mit ihrem gesellschaftlichen (einschließlich materiellen) Kontext zeigt die Notwendigkeit, beides zu queeren: Identitäten und Gesellschaft – in einem gemeinsamen Prozess.

Friederike Habermann ist Autorin, Aktivistin und freie Akademikerin, zudem Volkswirtin, Historikerin und Dr. phil. in politischer Wissenschaft. Ihre jüngste Veröffentlichung: Ecommony. UmCARE zum Miteinander (hrsg. v.d. Stiftung Fraueninitiative, Sulzbach 2016).

Tine Haubner

Für eine Entweihung des Ausbeutungsbegriffes

Abstract Dieser Beitrag zielt auf eine profanierende Reaktualisierung von Ausbeutung als eines Kernbegriffes, welcher nicht nur marxistische Analysen von neoklassischer Theorie, sondern auch marxistisch-feministische Beiträge von anderen feministischen Ansätzen unterscheidet. Ausbeutung ist sowohl von MarxistInnen als auch Nicht-MarxistInnen häufig recht einseitig als primär ökonomistisch-arbeitswerttheoretisches Theorem für die Erklärung von Profitgenerierung durch „produktive“ „lebendige Arbeit“ auf Wettbewerbsmärkten rezipiert worden. Auch diese begriffliche Verengung hat dazu geführt, dass der Ausbeutungsbegriff seit dem akademischen Niedergang marxistischer Theorien in den Sozialwissenschaften als „toter Klassiker“ der Ungleichheitsforschung nicht einmal mehr eine Randexistenz fristet. Und obgleich insbesondere marxistisch-feministische Beiträge mit ihrer erweiterten Perspektive auf Arbeit und ihre globale Verteilung entscheidende Modifikationen am Ausbeutungsbegriff vorgenommen haben, hat auch hier in den 1980er Jahren die genannte Profitfixierung Einzug gehalten. Dies ist problematisch, weil viele Arbeitsformen ─ wie beispielsweise begrenzt profitable Sorgearbeiten ─ so nicht angemessen erfasst werden, obwohl auch sie systematisch ausgebeutet werden. Als marxistische FeministInnen müssen wir auch jenseits von Profitgenerierung über Ausbeutung ─ etwa im Kontext informeller oder nicht-warenförmiger Arbeit ─ sprechen, die in Zeiten der Reproduktionskrise erneut an Bedeutung gewinnt. Zu diesem Zweck schlage ich einen auf Sorgearbeit bezogenen Zugang zu Ausbeutung vor, der auf die Annahmen der Werttheorie und profittheoretische Verengungen verzichtet, den Staat als zentralen Ausbeutungsakteur adressiert und sozialen Ausschluss und Ausbeutung zusammenzudenken versucht.

Tine Haubner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Politische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören die Soziologie von Care-Work und Sozialstaat, Arbeits- und Ungleichheitsforschung sowie kritische Gesellschaftstheorien. Publikationen: Die neue Kultur des Helfens. Zur sozialpolitischen Instrumentalisierung des Ehrenamts in der Pflege, in: Luxemburg 1, S. 112-118 (2016) und „Osteuropäische Care Workers im Licht der neueren sozialwissenschaftlichen Forschung und Theoriebildung”, in: Zeitschrift für Gerontologie und Ethik 2/2014, S. 9-27.

Tine Haubner

Profaning Exploitation

Abstract This paper seeks to bring “exploitation” back into Marxist-Feminist discussions as a key analytical term that differentiates not only Marxist analysis from neoclassical economic theory but also Marxist-Feminist-analysis from other feminist approaches. Therefore the concept should be updated to strengthen Marxist Feminist analysis today. Marxist Feminism has contributed important modifications to many traditional Marxist approaches on exploitation that nowadays are becoming increasingly relevant. But exploitation has often been  reflected either narrowly or vaguely ─ even in the context of feminist approaches. As a result of the academic marginalization of Marxist social theory since the 1980s, exploitation has at best become a dead classic in social sciences and many feminist approaches. One reason for this marginalization is a specific narrow-mindedness of many of the Marxist receptions since the 1960s: Exploitation has often been understood as a primarily profit-related economic term within the territory of labor theory of value that seeks to explain surplus on supposedly “free” markets based on the exchange of equivalent commodities. In contrast, the Marxist Feminist perspective has widened the focus on the global division of labor and the global exploitation of supposedly “non-labor” like domestic and informal work. But even here a profit-related focus infiltrated feminist approaches. This profit-related focus becomes problematic, because many kinds of work cannot be satisfactorily grasped within a profit-focused approach. For example care-work that is less profitable but nevertheless systematically exploited ─ an exploitation that becomes even more relevant in the face of the global reproduction crisis. As Marxis Feminists we need to talk about exploitation regardless of profits that in the end result from wage labor. We need to talk about exploitation of informal and uncommodified labor. For this purpose I propose a simpler approach on exploitation independent of the labor theory of value that binds together processes of social exclusion and exploitation.

Tine Haubner works as a research assistant at the Friedrich-Schiller-University in Jena. Her main working and research topics are critical theory, sociology of work (especially care-work), the welfare-state and social inequality. Publications: Die neue Kultur des Helfens. Zur sozialpolitischen Instrumentalisierung des Ehrenamts in der Pflege, in: Luxemburg 1, pp. 112-118 (2016) and “Osteuropäische Care Workers im Licht der neueren sozialwissenschaftlichen Forschung und Theoriebildung”, in: Zeitschrift für Gerontologie und Ethik 2/2014. pp. 9-27.

Nancy Holmstrom

Das Verhältnis zwischen politischer Praxis und theoretischen Analysen

Abstract Während abstrakte theoretische Analysen der Welt grundlegend für die Ausrichtung unserer politischen Praxis sind, besteht zwischen ihnen oftmals weniger direkte Bezugnahme als man/frau erwarten könnte. Die Debatte um einen Hausfrauenlohn und die Überschneidungen zwischen Kapitalismus/Patriarchat/Rassismus werden behandelt.

Nancy Holmstrom ist emeritierte Professorin der Rutgers University und Zeit ihres Lebens politische Aktivistin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen: A Reader in Theory and Politics and Capitalism For & Against: A Feminist Debate (gemeinsam mit Ann Cudd) und zahlreiche Artikel zu politisch-philosophischen Themen wie Ausbeutung, Rationalität, Freiheit und der menschlichen/weiblichen Natur. Aktuell liegt ihr Fokus auf der Frage, wie eine ökosoziale Bewegung aufgebaut werden kann, um der ökologischen Krise wirksam zu begegnen.

Nancy Holmstrom

The Relationship between Political Practice and Theoretical Analyses

Abstract While abstract theoretical analyses of the world are essential to guide our political practice, there is often a less direct implication than might be thought. The wages for housework debate and the capitalism/patriarchy/racism intersections will be discussed.

Nancy Holmstrom is professor emerita from Rutgers University, and lifelong activist. Her publications include The Socialist Feminist Project: A Reader in Theory and Politics and Capitalism For & Against: A Feminist Debate (with Ann Cudd), as well as numerous articles on core political philosophical topics including exploitation, rationality, freedom, and human/women’s nature. Her current focus is on how to build an eco-socialist movement to combat the ecological crisis.

Shannon Ikebe

Gesellschaftliche Reproduktion und die Krise des Fordismus: die Geschlechterpolitik des schwedischen Lohnarbeiter/innen-Fonds in den 1970er Jahren

Abstract Das Wiederaufleben marxistisch-feministischer Theorien der gesellschaftlichen Reproduktion in den letzten Jahren stellt uns ein kraftvolles Werkzeug zur Neuinterpretation der historischen Entwicklung von Kapitalismus und Klassenkampf zur Verfügung. In diesem Projekt werde ich, aus Perspektive der Theorie zur gesellschaftlichen Produktion, die Entwicklung der Klassenkämpfe in den „langen 1970ern“ untersuchen, die durch die Krise des Fordismus und deren reaktionäre Lösung in Form des Neoliberalismus gekennzeichnet waren. Im Besonderen konzentriere ich mich auf Aufstieg und Fall der radikalen Arbeitsrechtepolitiken in Schweden, wie sie u.a. im sozialistischen „Lohnarbeiter/innen-Fonds“ (löntagarfonder, WEF) zum Ausdruck kamen.

Die Niederlage dieser radikalen Perspektive Anfang der 1980er Jahre führte sowohl in Schweden wie in der gesamten fortgeschrittenen kapitalistischen Welt zur neoliberalen Lösung und zur Krise des Keynesianismus, die noch immer ihren langen Schatten auf die heutigen politischen Landschaften wirft. Eine genauere Untersuchung dieser kritischen Kämpfe legt nahe, dass die männliche Herrschaft im Nachkriegsfordismus eine Strömung enthielt, die sich selbst in Richtung ihres eigenen Scheiterns und letztlich ihrer Ablöse durch den Neoliberalismus trieb. Die Wirkung solcher Strömungen in Schweden, wo die Vergesellschaftung der gesellschaftlichen Reproduktion relativ weit fortgeschritten war, dient als der „kritische Fall“, der dem Fordismus in der gesamten fortgeschrittenen kapitalistischen Welt anhaftet.

Shannon Ikebe dissertiert in Soziologie an der University of California-Berkeley, USA, und ist Gaststipendiat am Institut für Geschichte der Södertörns University, Stockholm. Er studiert die Geschichte der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegungen in Europa, seine Arbeiten wurden in JacobinViewpoint Magazine und im Berkeley Journal of Sociology veröffentlicht. Er ist der Studierendenvertreter in der Abteilung für Arbeit und Arbeitsrecht der Amerikanischen Soziologischen Vereinigung (ASA). Darüber hinaus ist er in der Arbeiter/innenbewegung der Vereinigten Staaten aktiv, war ehemals Vorsitzender der UAW Local 2865 – UC Student-Workers Union und organisierte Konferenzen für Coalition of Graduate Employee Unions (CGEU).

Shannon Ikebe

Social Reproduction and the Crisis of Fordism: Gender Politics of the Swedish Wage-Earner Funds in the 1970s

Abstract The resurgence of Marxist-feminist theories of social reproduction in recent years provides us with a potent tool to reinterpret the historical development of capitalism and class struggle. In this project, I seek to examine the development of class struggles in the “long 1970s” of the crisis of Fordism, and its reactionary resolution in the form of neoliberalism, from the perspectives of social reproduction theory. I focus in particular on the rise and fall of radical labor politics in Sweden in the long 1970s, in the form of the socialist “Wage-Earner Funds” (löntagarfonder, WEF) as the critical case.

The defeat of this radical tendency by the early 1980s, in Sweden as well as in the entire advanced capitalist world, led to the neoliberal solution to the Keynesian crisis, which continues to cast a long shadow onto political landscapes today. Closer examination of those critical struggles suggests that male dominance in post-war Fordism contained a tendency that steered itself towards the succession by neoliberalism upon its own collapse. The operation of such tendencies in Sweden, where socialization of social reproduction was comparatively advanced, serves as the “critical case” that would apply to Fordism throughout the advanced capitalist world.

Shannon Ikebe is a Ph.D. candidate in Sociology at the University of California-Berkeley, United States and a visiting scholar at the Department of History, Södertörns University, Stockholm. He studies the history of social democracy and labor movements in Europe and his works have been published on JacobinViewpoint Magazine, and Berkeley Journal of Sociology. He is a Graduate Student Representative of the Labor and Labor Movement Section of the American Sociological Association (ASA). He is also active in the labor movement in the United States, as a former officer of the UAW Local 2865 – UC Student-Workers Union, and a conference organizer for the Coalition of Graduate Employee Unions (CGEU).

Charlie Kaufhold, Ann Wiesental

Analysen des Kapital- und Geschlechterverhältnisses am Beispiel von Kapitalakkumulation und sozialer Reproduktion

Abstract Nach wie vor ist Marx eine entscheidende Referenz, um die Mechanismen und Zwangsgesetze, die Kapitalakkumulation mit sich bringt, ihre Bedingungen und Notwendigkeiten zu verstehen. Um Kapital- und Geschlechterverhältnisse zu fassen, ist die soziale Reproduktion und welche Bedeutung diese im Kapitalakkumulationskreislauf hat, als ein signifikanter Zusammenhang zu betrachten. Mit dem Workshop möchten wir einen Beitrag zur werttheoretischen Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen machen. Für feministische Kämpfe ist eine Analyse sozialer Reproduktion im Kapitalverhältnis vorteilhaft, um Eingriffspunkte und Widersprüche zu bestimmen und für Kämpfe um Veränderung wirksam zu machen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Betrachtung des systemimmanenten Widerspruchs zwischen sozialer Reproduktion und Profitmaximierung. Ihn zu analysieren verdeutlicht die Bedingungen, Verfasstheit und Schnittstellen sozialer Reproduktion im Kapitalakkumulationskreislauf. Dies umfasst Verschiebungen zwischen unbezahlter Reproduktion und kommodifizierten, personenbezogenen Dienstleistungen im Care-Bereich und somit eine Ausweitung der Kapitalakkumulation in den Bereich der unbezahlten sozialen Reproduktion im Sinne einer Neuen Landnahme. Ein Beispiel dafür ist die Ökonomisierung im Krankenhaus, in der BRD wurde z.B. mit dem DRG-System (Diagnosis Related Groups) gewinnorientiertes Arbeiten im Krankenhaus eingeführt.

In dem Workshop soll es jedoch nicht vordringlich um realpolitische Beispiele gehen, sondern um die analytischen Verbindungen von Kapital- und Geschlechterverhältnissen am Beispiel von sozialer Reproduktion. Hierzu gehört die Betrachtung von Geschlechterverhältnissen als Produktionsverhältnissen ebenso wie die Untersuchung einer gelungenen Kapitalakkumulation und ihrer Bedingungen sozialer Reproduktion.

Für den Workshop möchten wir diesbezüglich verschiedene Analysen vorstellen und diese ins Gespräch bringen und mit den Teilnehmer_innen diskutieren.

Charlie Kaufhold und Ann Wiesental leben in Berlin und sind Teil des trouble everyday collective. Sie schreiben, halten Workshops und Vorträge zu feministischer Ökonomiekritik. Sie arbeiten zur marxschen Kritik der Politischen Ökonomie und zu feministischem Materialismus. Das trouble everyday collective ist eine seit 2014 stehende feministische Gruppe und hat das Buch „Die Krise der sozialen Reproduktion“ im UNRAST-Verlag veröffentlicht.

Charlie Kaufhold, Ann Wiesental

Analysing Capital and Gender Relations Using the Example of Capital Accumulation and Social Reproduction

Abstract Marx is still a central reference to understand the punitive laws of capital accumulation, their conditions and necessities. To frame capital and gender relations, it is necessary to understand social reproduction and its relevance for the accumulation of capital as a significant connection. In this workshop, we will contribute to value theory debates concerning gender relations. An analysis of social reproduction within relations of capital is advantageous for feminist struggles since it determines intervention points and contradictions that make changes effective. The contradiction between social reproduction and the urge for profit which is inherent to the system should be seen in this context. Analysing this contradiction creates clarity concerning the conditions, state and interface of social reproduction and the circuit of capital accumulation. This comprises displacements between paid reproduction and commodified, individual-related services in the care-sector and therefore an expansion of capital accumulation in the area of unpaid social reproduction. An example is the economisation of resources in hospitals. In Germany, for example, work in hospitals has become more profit-orientated through the implementation of the DRG system (Diagnosis Related Groups).

This workshop will focus less on practical examples and more on a theoretical analysis of the connection between capital and gender relations using the example of capital accumulation and social reproduction. The analysis of gender relations as productive relations is part of this examination as is the study of the successful accumulation of capital and its conditions for social reproduction.

We will present different approaches to these questions in the workshop and will discuss them with the participants.

 

Charlie Kaufhold and Ann Wiesental live in Berlin and are part of the trouble everyday collective. They write, hold workshops and give lectures on feminist criticism of economics. They work on Marx’ Critique of Political Economy and feminist materialism. The trouble everyday collective is a feminist group that has been existing since 2014. The collective wrote the book “Die Krise der sozialen Reproduktion” [“Crisis of Social Reproduction”] that was published by the UNRAST publishing house.

Elisabeth Klatzer

Marxistisch-feministische Perspektiven auf die Wirtschaftspolitische Koordinierung in der Europäischen „Union”: ein zentrales Kampffeld zur Überwindung von repressiven Macht- und Ausbeutungsverhältnissen

Abstract Die Frauenbewegung in Europa kämpft gegen ein Konglomerat von Schuldner- und Gläubigerstaaten, die vorgeben, eine Union zu sein (Spivak 2015: 564). Feministische ForscherInnen und AktivistInnen sehen sich mit vielfachen Herausforderungen konfrontiert.

Zunächst zeigt sich, dass marxistisch-feministische Analysen der Dynamiken in der Europäischen „Union” fehlen, die hervorheben, dass die EU ein besonderer Ort der Auseinandersetzung ist, wo eine fortwährende aggressive Dynamik ineinander verwobener repressiver Machtverhältnisse und Ausbeutungsstrukturen in ein universelles System stattfindet.

Die EU stellt ein entscheidendes Schlachtfeld im Kampf gegen die kapitalistisch-maskuline Festung dar. Basierend auf einer marxistisch-feministischen Analyse der rezenten Veränderungen in den Machtverhältnissen auf europäischer Ebene werden Perspektiven und zentrale Ansatzpunkte einer grundlegenden Transformation ausgearbeitet. Ein Verständnis der Arbeit am Lebendigen als eines störenden Elements für die Produktion von Profit (Haug 2015: 99) ist wesentlich für die Analyse des Potentials und der Dynamiken des Kampfes auf EU-Ebene.

Perspektiven für feministische Bewegungen in Europa im Hinblick auf Ansatzpunkte einer fokussierten Kritik an den EU-Spielarten des Kapitalismus werden dargestellt und erste Hypothesen zu Wegen und Ansatzpunkten für transformative Impulse zur Überwindung der verschränkten Systeme der Unterdrückung und für solidarische Perspektiven über die EU hinaus skizziert.

Elisabeth Klatzer ist politische Ökonomin, Forscherin-Aktivistin in den Bereichen feministische Ökonomie, Gender Budgeting, Fragen der emanzipatorischen, demokratischen und sozial gerechten Gestaltung des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems; Integration und Desintegration in Europa; Vorstandsmitglied von ATTAC Österreich und Mitglied des feministischen Netzwerkes Femme Fiscale, das zu Fragen feministischer Budget- und Wirtschaftspolitik arbeitet.

Elisabeth Klatzer

Marxist-Feminist Perspectives on Economic Governance in the European “Union”: a Key Battleground for Overcoming Oppressive Power Relations and Modes of Exploitation

Abstract As Spivak points out, the women’s movement in Europe is fighting against a conglomerate of debtor and creditor states which pretend being a Union (Spivak 2015: 564). Feminist researchers and activists coming together in feminist movements are confronting multiple struggles.

There is a lack of Marxist-feminist analysis on European “Union” dynamics to highlight how the EU is a particular site of struggle as it is a terrain where there is an ongoing aggressive dynamic of weaving together different forms of oppressive power relations and modes of exploitation into a universal system. All social practices are structured and coded through gender relations. Social production includes both, the production of life and the production of means of life (Haug). The subjection of the production of life under European capitalism is progressing rapidly. Any thorough analysis of dynamics in the EU needs to take into account these two sides of social production and its interrelatedness in producing systems of oppression.

The EU is a key battleground in the struggle against the capitalist-masculine stronghold. Based on a Marxist-feminist analysis of current reconfigurations of power relations at the European level, the paper puts forward perspectives on central tenets for change. As Frigga Haug puts it, understanding ‘work on the living’ as a disruptive element for the production of profit (Haug 2015: 99) is an essential in the analysis of the potential and dynamics of struggles at EU-level.

This paper sets out perspectives for European feminist movements to strengthen their critique of the EU modes of capitalism and presents some hypotheses on creating a favourable dynamics to open avenues for transformative impulses towards overcoming the combined systems of oppression and defining solidarity beyond the European Union.

Elisabeth Klatzer is a political economist; researcher-activist on feminist economics, Gender Budgeting, questions of an emancipatory, democratic and social justice oriented transformation of the social and economic systems, integration and disintegration in Europe; board-member of ATTAC Austria, and member of the feminist activist network Femme Fiscale which deals with questions of feminist budget and economic policies.

Birge Krondorfer

Die Frage der Bildung: Das Fehlen der Kritik

Abstract Bildung ist heute in aller Munde, aber mundtot. Die Dominanz von Markt und Technologie haben das europäische Bildungssystem verändert, produziert wird Wissen, das vorgibt sich zu lohnen. Es fordert additive Kompetenzerlangung – lebenslanges Lernen – und fördert nicht mehr Gesellschafts- und Selbstreflektion oder emanzipatorisches Wissen. Systemdistanzierendes Denken ist nicht mehr gefragt. Gerade für Frauen, die sich den Zutritt zu den Institutionen der Bildung historisch hart erkämpfen mussten, ist diese Situation prekär. Der neoliberale Umbau der Universitäten und anderer Bildungsträger ist für kritische (linke, feministische, alteritäre) Bildung alarmierend. Wo gibt es noch Orte befreienden Denkens und kritischer Frauenbildung?

Birge Krondorfer/Frauenhetz – ist politische Philosophin und feministisch Tätige. Sie lebt in Wien und ist Lehrbeauftragte verschiedener inter/nationaler Universitäten seit 1991 in den Studien zu Gender, Kultur, Bildung, Politik. Vortragende und Autorin, Redakteurin und Herausgeberin zu Theorien und Praxen der Geschlechterdifferenzen. Ausbildungen in Gruppentraining, Supervision, Mediation, Interkulturelles Training. Mitgründung und engagiert in der Bildungsstätte Frauenhetz und u.a. der Plattform 20000frauen, dem Verband feministischer Wissenschafter_innen, der Arge ‚Demokratie braucht Bildung’, dem feministischen Netzwerk der Europäischen Linken. Letzte Co-Hg.: Prekarität und Freiheit? Feministische Wissenschaft, Kulturkritik und Selbstorganisation, Münster 2013; Gerburg Treusch-Dieter. Ausgewählte Schriften, Wien/Berlin 2014.

Birge Krondorfer

The Question of Education: The Lack of Critique

Abstract Today education is on everybody’s lips while at the same time it is being silenced. The dominance of market and technology has changed the European education system; what is produced by it is knowledge pretending to be worth the effort. It requires additive accumulation of competences – lifelong learning – without promoting the reflection of society and the self or emancipatory knowledge.

Thinking which distances the thinker from the system is no longer in demand. This means that for women in particular who had to struggle hard for access to the institutions of education, this situation is precarious. The neoliberal restructuring of universities and other institutions of education is alarming for critical (left, feminist, ‘alterist’) education. Where have all the spaces of liberating thought and critical education for women gone?

Birge Krondorfer/Frauenhetz – is a Vienna-based political philosopher and feminist activist. She has been a lecturer in gender studies, culture, education and politics at different universities in Austria and abroad since 1991. Speaker, writer and editor on theories and practices of gender differences. Studies in group-dynamics, supervision, mediation, intercultural training. Co-founder and activist of the feminist education space Frauenhetz, and, among others, Plattform 20000frauen, Verband feministischer Wissenschafter_innen, the working group ‘Demokratie braucht Bildung‘, EL-FEM (the feminist network of the European Left). Co-editor of: Prekarität und Freiheit? Feministische Wissenschaft, Kulturkritik und Selbstorganisation, Münster 2013; Gerburg Treusch-Dieter. Ausgewählte Schriften, Wien/Berlin 2014.

Kornelia Kugler und Hanna Bergfors / Systrar Productions (Regie)

Nichts ist erledigt

Filmvorführung

62’, Deutsch und Englisch mit englischen Untertiteln, 2016

An einem folgenschweren Abend in Berlin kämpfen drei Frauen, die zusammen in einer Garderobe arbeiten, für reproduktive Selbstbestimmung, die mehr ist als bloß die neoliberale Freiheit, über diese Selbstbestimmung zu verfügen. Nichts ist erledigt, ein genreübergreifender Spielfilm, fordert uns dazu auf, uns dem unvollendeten Geschäft des Feminismus™ nochmals von vorne zuzuwenden.

Der Film behandelt das Verhältnis zwischen Möglichkeiten und Grenzen von Reproduktion in technologischer ebenso wie in sozialer und politischer Hinsicht. Wir wollten uns der Frage zuwenden, welche Relevanz gegenwärtig der klassische Schlachtruf der marxistischen Feministin Silvia Federici hat, der da lautete: „Löhne für Hausarbeit“ (1975), indem wir diese Forderung in die heutige Landschaft der rasanten technologischen Veränderung und zunehmenden Prekarisierung versetzt haben. Während der Film in Deutschland spielt, ist er auch international bedeutsam, da er Mutterschaft und feminisierte Arbeit in Zeiten der neoliberalen Unsicherheit verhandelt. Nichts ist erledigt ist somit kein Film für oder gegen Mutterschaft, sondern eher ein filmischer Essay über die Bedingungen der Reproduktion heute. Die drei Protagonistinnen in ihrer Garderobe finden eine gemeinsame Sprache, um jener der Referentin auf der Konferenz und dem Feminismus der Konzerne, den sie auf der Bühne vertritt, entgegenzutreten. Während sie den Vorstellungen von „Alles ist möglich!“ das Wort redet, übersieht sie, auf wessen Kosten dieses „Alles“ geht. Im Gegenteil: Wie schon unser Filmtitel sagt, meinen wir, dass noch viel getan werden muss.

Kornelia Kugler and Hanna Bergfors (directors) / Systrar Productions

Nichts ist erledigt (Not Yet Over)

Film presentation

62’, German and English with English subtitles, 2016

One momentous night in Berlin, three women working in a coatroom struggle for reproductive choices better than just the neoliberal freedom to have them. Nichts ist erledigt (Not Yet Over), a multi-genre fiction film, invites us to look at feminism’s™ unfinished business from the bottom up.

The film deals with the relationship between the possibilities and limits of reproduction, both technologically and socio-politically. We wanted to look at the current relevance of a classic call to arms by Marxist feminist theorist Silvia Federici, “Wages for Housework” (1975), by relocating its demands in today’s landscape of fast-paced technological change and increasing precarity. While the film takes place in Germany, it treads on international ground because of its negotiation of motherhood and feminized labor in times of neoliberal uncertainty. Thus, Nichts ist erledigt (Not Yet Over) is not a film for or against motherhood, but rather an essay on the conditions of reproduction today. The three protagonists find a collective voice together in the coatroom where they work to counter that of the conference speaker and the kind of corporate feminism she represents onstage. While she preaches the cult of “having it all”, she overlooks at whose expense that ‘all’ comes. On the contrary, as our film title proclaims, we think that there is still a lot that needs to be done.

Verena Letsch, Hannah Schultes

Anerkennung von Reproduktionsarbeit – Kampffeld oder Falle?

Abstract Gründe für schlechte Löhne und prekäre Arbeitsbedingungen im Reproduktionsbereich sind aktuell Thema kritischer feministischer Forschung. Wissenschaftler_innen im deutschsprachigen Raum, die zu Care-Arbeit forschen, erklären den prekären Charakter der Arbeitsverhältnisse häufig mit der fehlenden Anerkennung als vollwertige Arbeit. Rückblickend ist diese Analyse nicht neu: Frauen aus Europa und den USA machten mit der Kampagne ,Lohn für Hausarbeit’ in den 1970er Jahren darauf aufmerksam, dass reproduktive Arbeit in kapitalistischen Gesellschaften zumeist unbezahlt und unsichtbar verrichtet wird, obwohl sie die wichtigste Ware im Kapitalismus überhaupt produziert: die Ware Arbeitskraft.

Die Organisierung der Reproduktionsarbeit und feministische Perspektiven haben sich verändert. Feminist_innen in Deutschland haben in den letzten Jahren zunehmend den Care-Bereich als Kampffeld (wieder)entdeckt und Diskussionen rund um die Themen der Lohn für Hausarbeits-Kampagne kommen zunehmend in Schwung – allerdings konzentriert sich diese meistens auf die Frage der Anerkennung.

Das ist unser Ausgangspunkt, um die Frage nach der Forderung für Anerkennung neu zu debattieren: Sollten wir sie als vielversprechendes Kampffeld oder als Falle verstehen? Wir wollen die Forderung nach Anerkennung in unterschiedlichen Kontexten, wie zum Beispiel in Arbeitskämpfen oder im Hinblick auf Arbeitsbedingungen von EU-Migrantinnen in Deutschland, besprechen. Wir argumentieren, dass Lohn für Hausarbeit als antikapitalistische Forderung beim Blick auf die heutigen Auseinandersetzungen um Care-Arbeit immer noch hilfreich ist.

Verena Letsch hat gerade mit ihrer Masterarbeit zu den Erfahrungen, Rationalisierungen und Kritik von und an sozialer Ungleichheit von Studierenden der Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität in Berlin ihr Studium beendet. Sie arbeitet für den Frauenpolitischen Rat des Landes Brandenburg in Potsdam.

Hannah Schultes studiert an der Humboldt Universität in Berlin, wo sie ihre Masterarbeit zu Arbeitsverhältnissen von spanischen Krankenpfleger_innen schreibt. Sie war Redakteurin beim Online-Magazin für Rezensionen kritisch-lesen.de und arbeitet derzeit bei der Monatszeitung analyse & kritik. Sie hat in der einen oder anderen Weise zu antimuslimischem Rassismus, marxistischem Feminismus und Migrations- und Arbeitsregimen gearbeitet.

Verena Letsch, Hannah Schultes

Recognition of Reproductive Workers – Battlefield or Pitfall?

Abstract The reasons for low wages and precarious working conditions in the reproductive sector have long been object of critical feminist investigation. Scholars researching care work in Germany and activists emphasize that the precarious character of labor relations in the segment is due to a lack of recognition of ‘care work’ as fully-fledged work. Looking back, the idea is not new. Women from different European countries and the United States organized the “Wages for Housework” campaign of the 1970s to draw attention to the fact that reproductive labor in capitalist societies is largely unpaid and rendered invisible while it produces the commodity most essential to capitalism: labor force. The organization of reproductive work has changed, as have feminist perspectives on it. With the rise of feminist activism around care work in Germany, discussions around the issues of the “Wages for Housework” campaign

(re-)gain momentum – however, these debates are often focused mainly on the demand for ‘recognition’. We depart from the notion of recognition and pose the question of how to understand the demand of recognition of reproductive workers: as a battlefield for Marxist-feminists or as a pitfall? We intend to discuss the demand for recognition of reproductive workers in such different contexts as labour struggles and the conditions of EU migrant care work. We argue that “Wages for Housework” as an anti-capitalist demand still sheds light on today’s shortcomings.

Verena Letsch has just finished her Master in Sociology at the Humboldt University in Berlin. Her thesis investigated the experience, rationalization, and critique of social inequalities by students of the social sciences. She now works for Frauenpolitischer Rat Brandenburg in Potsdam.

Hannah Schultes is writing her Master thesis on labor relations of Spanish nurses at the Social Sciences department of Humboldt University in Berlin. She was an editor for the online review magazine “kritisch-lesen.de” and is currently working as an editor at monthly leftist newspaper analyse & kritik. She has in one way or another worked on anti-Muslim and police racism, Marxist feminism and migration and labor regimes.

Ligaya Lindio McGovern

Den marxistisch-feministischen Rahmen im Kontext des globalen Kapitalismus „mainstreamen“ 

Abstract Die marxistisch-feministische Perspektive als Bezugssystem für die Analyse und als Wegweiserin für die Entstehung sozialer Bewegungen zur Befreiung der Frauen der Arbeiterschaft bleibt weiterhin an den Rändern von Mainstream-Denken und -Diskurs. Dennoch wird das marxistisch-feministische Bezugssystem stark benötigt, um eine kritische und revolutionäre Antwort auf die fortgesetzte globale Expansion des Kapitalismus zu geben – eines neoliberalen Projekts, das derzeit die globale politische Ökonomie aggressiv ausformt. Diese Marginalisierung des marxistisch-feministischen Denkens und der dazugehörigen Praxis in der Frauenbewegung trägt zur Stärkung des globalen Kapitalismus bei – dies zeitweise auf subtile Art, dann wieder ganz mächtig in der Popularisierung des liberalfeministischen Paradigmas, dem jede kritische Sicht auf den Kapitalismus fehlt, der seinen Erfolg der Ausbeutung von Frauen, insbesondere jenen der Arbeiterklasse, verdankt. Für revolutionäre Aktivistinnen aus der Dritten Welt ebenso wie für Wissenschaftlerinnen wie mir selbst ist diese Marginalisierung des marxistisch-feministischen Denkens innerhalb des feministischen Mainstreams sehr besorgniserregend.

Im ersten Abschnitt meiner Präsentation werde ich die grundlegenden Argumente beleuchten, die das marxistisch-feministische Bezugssystem in Antwort auf das ideologische Projekt des globalen Kapitalismus ausmachen und anmerken, wie politische Aktion beschaffen ist, wenn sie sich innerhalb des marxistisch-feministischen Bezugssystems verortet. Wichtige Argumente: (1) Die Ausbeutung von Frauen im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise ist Hauptquelle bzw. -widerspruch von Frauenunterdrückung und zentral für die Aufrechterhaltung des globalen Kapitalismus. (2) Die Ausbeutung der Reproduktionsarbeit ist zentral und zwar sowohl hinsichtlich der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise (wie zuvor schon für jene der Sklaverei) als auch ihrer Implikationen für die Herausbildung einer revolutionären Frauenbewegung. (3) Um die Dynamik der globalen Expansion des Kapitalismus als neoliberales Projekt zu fassen, muss der marxistisch-feministische Bezugsrahmen das Bündnis zwischen modernem Imperialismus (bewaffnet durch Militarismus) und Kapitalismus offenlegen und zeigen, wie die globale Ausbeutung von Frauen der Arbeiterinnenklasse dieses Bündnis zusammenhält.

Der zweite Abschnitt meines Beitrags diskutiert wie der liberale Feminismus Frauen spaltet, was ihn wesentlich vom marxistischen Feminismus unterscheidet, der die Solidarität unter Frauen fördert und Politik betreibt, die jene kollektive Kraft hervorbringt, die für die Überwindung des Kapitalismus nötig ist.

Der dritte Teil wird das marxistisch-feministische Bezugssystem kritisch anwenden und zur Analyse einer Frauenbewegung in der Dritten Welt heranziehen, die innerhalb dieses Rahmens zu handeln versucht und sich der Frage widmen, auf welche Erfolge und Hindernisse sie dabei trifft.

Ligaya Lindio McGovern ist Professorin für Soziologie an der Indiana University Kokomo, USA. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Frauen und Entwicklung. Sie ist Autorin von Globalization, Labor Export and Resistance: A Study of Filipino Migrant Domestic Workers in Global Cities und von Filipino Peasant Women: Exploitation and Resistance. Sie ist Mitherausgeberin von Globalization and Third World Women: Exploitation, Coping and Resistance und von Gender and Globalization: Patterns of Women’s Resistance.

Ligaya Lindio McGovern

Mainstreaming the Marxist Feminist Frame in the Context of Global Capitalism

Abstract The Marxist Feminist perspective as a framework for analysis and guide for creating social movement for the liberation of working class women continues to be marginalized in mainstream thought and discourse. Yet, the Marxist Feminist framework is much needed in shaping a critical and revolutionary response to the continued global expansion of capitalism as a major neoliberal project aggressively shaping the global political economy. This marginalization of the Marxist Feminist thought and praxis in the women’s movement contributes to the reinforcement of global capitalism – at times in subtle ways, but quite powerful in mainstreaming the liberal feminist paradigm that lacks a critical view of capitalism. Third World revolutionary women activists as well as scholars, including myself, are uncomfortable with the marginalization of Marxist Feminist thought in mainstream feminism.

The first theme of the presentation elucidates the essential arguments that constitute the Marxist Feminist frame in response to the ideological project of global capitalism and what political action will look like if guided by the Marxist Feminist frame. Central arguments are framed around the following theses: (1) the exploitation of women in the capitalist mode of production is the principal source of or contradiction in the oppression of women and is central in the maintenance of global capitalism, (2) the exploitation of reproductive labor is central as well in the maintenance of the capitalist mode of production (as it was of slavery) and its implications in shaping a revolutionary women’s movement, (3) the alliance of modern imperialism (armed with militarism) and capitalism must be focused on and it must be shown how the global exploitation of working class women binds this alliance.

The second theme discusses how Liberal Feminism divides women in contrast to Marxist Feminism that promotes solidarity among women and shapes politics that creates the collective power necessary to change capitalism. The third segment applies the Marxist Feminist frame in analyzing a Third World women’s movement that attempts to operate within this frame, highlighting the successes and obstacles it encounters.

Ligaya Lindio McGovern is Professor of Sociology at Indiana University Kokomo, USA. With a special field in Women and Development, she is author of Globalization, Labor Export and Resistance: A Study of Filipino Migrant Domestic Workers in Global Cities and Filipino Peasant Women: Exploitation and Resistance. She is also co-editor of Globalization and Third World Women: Exploitation, Coping and Resistance and Gender and Globalization: Patterns of Women’s Resistance.

Gabriele Michalitsch

Re-/Produktion von Geschlecht – eine feministische Kritik der Politischen Ökonomie

Abstract Wie wird die binäre und hierarchische Geschlechterordnung in der Ökonomie (re-)produziert? Wie werden vergeschlechtlichte Subjekte gebildet?

Ausgehend von diesen beiden grundlegenden Fragestellungen verfolgt mein Beitrag eine zweifache Absicht:

Zunächst zeige ich – unter Bezugnahme auf die Marko- und Mikroebenen, die Gegenstand der Analyse sind –, wie materielle und diskursive Praxen verbunden sind, um den Fortbestand binär-hierarchischer Geschlechterbeziehungen zu sichern. Die Analyse fokussiert auf den materiellen Beziehungen zwischen Geschlecht, Arbeit und Kapital ebenso wie auf der Einschreibung von Geschlecht in das ökonomische Wissen (wobei ich Bezug nehmen werde auf Adam Smith, die neoklassische Ökonomie und den herrschenden Begriff „des Ökonomischen“).

Indem er Elemente der marxschen und foucaultschen, der kritischen und feministischen Theorien verbindet, beabsichtigt der Beitrag zweitens, einen theoretischen Rahmen für eine feministische Analyse der Politischen Ökonomie sowohl auf struktureller wie individueller Ebene zu bieten. Die marxsche Analyse des Kapitals, das foucaultsche Konzept der Gouvernementalität und Adornos / Horkheimers Kulturindustrie werden miteinander in Beziehung gesetzt, wobei der Fokus auf die Geschlechterfrage gelegt und dabei ein spezifisch feministischer Zugang zur Analyse von Macht und Herrschaft im zeitgenössischen Kapitalismus gewonnen wird.

Gabriele Michalitsch ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Aktuell ist sie Professorin für Internationale Politik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

Gabriele Michalitsch

Re-/Producing Gender. A Feminist Critique of Political Economy

Abstract How is the binary-hierarchic gender order (re-)produced in the economy? How are gendered subjects formed? Starting from these two basic questions, the contribution aims at a twofold purpose:

First, referring to the macro and the micro levels it analyses how material and discursive practices are connected to ensure the persistence of binary-hierarchic gender relations. The analysis focuses on the material relations between gender, labour and capital as well as on the inscription of gender into economic knowledge (with reference to Adam Smith, neoclassical economics and the dominant notion of “the economic”).

Second, by combining elements of Marxian, Foucauldian, critical and feminist theories the contribution intends to provide a theoretical framework for a feminist analysis of political economy on the structural as well as the individual levels. Marx’s analysis of capital, Foucault’s concept of government and Adorno/Horkheimer’s culture industry are put into relatino with each other with the focus being put on gender, hereby developing a specific feminist approach to analyse power and domination in contemporary capitalism.

Gabriele Michalitsch is a political scientist and economist, currently Professor for International Politics, Department of Political Science, University of Vienna.

Diana Mulinari, Nora Räthzel

Drei Formen von Geschlechterverhältnissen in einem transnationalen Unternehmen in drei Ländern

Abstract Es gibt eine große Zahl notwendiger Forschungen über die sogenannten ‚export processing zones’ in den Ländern des globalen Südens, wo Extraprofite auf der Basis von Überausbeutung erzielt werden – eine Praxis, die von einem breiten politischen Spektrum verurteilt wird. Unsere Forschung in vier Betrieben des schwedischen Bus- und Lastwagenbauers Volvo, die uns von Schweden nach Mexiko, Südafrika und Indien führte, ist ein Versuch, die ‚Normalität’ des sich globalisierenden Kapitalismus zu untersuchen. Volvo hat nicht nur in Schweden, sondern international den Ruf eines ‚guten Arbeitgebers’, der faire Löhne zahlt und einer der ersten Betriebe war, die das Fließband durch Teamarbeit ersetzt haben – eine Form der Arbeitsorganisation, die größere Kontrolle durch die Arbeitenden und eine höhere Flexibilität erlaubt. In unserem Beitrag werden wir darstellen, wie die Geschlechterverhältnisse in drei der von uns untersuchten Betriebe gelebt werden: in Umeå (Schweden), Tultitlán (Estado de Mexico), und Durban (Südafrika). Auf der Basis von Interviews mit Arbeitenden in allen drei Betrieben und mit Hilfe einer intersektionellen Analyse, die das Zusammenspiel von Klasse, Geschlecht und ethnischen Verhältnissen untersucht, identifizieren wir drei Formen von Geschlechterverhältnissen (Gender Regimes): die Transformation von Geschlechterverhältnissen in Mexiko, wo Frauen stolz darauf sind, in Männerberufen arbeiten zu können; die Verantwortung von Frauen in Südafrika als Industriearbeiterinnen und Haushaltsvorstände, wo sie oft die einzigen in der Familie mit einem festen Einkommen sind, und schließlich das Zusammenspiel von Geschlechtergleichheit und Geschlechtersegregation in Schweden, wo Frauen als gleichberechtigt dargestellt werden, aber vornehmlich in einem Arbeitsbereich zu finden sind.

Diana Mulinari ist Professorin der Soziologie am Zentrum für Gender Studies der Universität Lund, Schweden. Ihre Forschungsinteressen sind Geschlecht und Entwicklung in Lateinamerika sowie die Verknüpfungen von Geschlecht, ‚Rasse’, Ethnizität und Klasse im Kontext des schwedischen Wohlfahrtsstaates. Letzte Veröffentlichungen: Complying with Colonialism. Gender, Race and Ethnicity in the Nordic Region (mit Suvi Keskiknen, Sari Irni, und Salla Touri, 2009). Transnational Corporations from the Standpoint of Workers (mit Aina Tollefsen und Nora Räthzel).

Nora Räthzel ist Professor emerita an der Universität Umeå, Schweden und Gastprofessorin an den Universitäten Surrey, VK, Vigo, Spanien und Wien, Österreich. Ihre Forschungsinteressen sind: Arbeit und Natur, Geschlechter-, Klassen- und ethnische Verhältnisse im Alltag, transnationale Unternehmen. Ihre letzten Veröffentlichungen sind: Trade Unions in the Green Economy. Working for the Environment (mit David Uzzell) und Transnational Corporations from the Standpoint of Workers (mit Diana Mulinari und Aina Tollefsen).

Diana Mulinari, Nora Räthzel

Three Gender Regimes at a Transnational Corporation in Three Countries 

Abstract Much needed research has been conducted in so-called export processing zones (EPZ) across the countries of the global south, where surplus profits are made on the basis of super-exploitation, i.e., practices generally condemned across the political spectrum. Our research on the working lives of workers at the Swedish transnational corporation Volvo is an attempt to understand the ‘normality’ of globalising capitalism. In Sweden and internationally Volvo has always been perceived as a good employer, paying good wages and being one of the first companies to replace the assembly line by teamwork, which allows workers greater flexibility and control over the workplace. Through the shared experiences of Volvo workers and employing an intersectional analysis of class, gender, and ‘race’, we will present three gender regimes in three Volvo plants in Umeå (Sweden), Tultitlán (Estado de Mexico), and Durban (South Africa) respectively. We identified three gender regimes: gender transformation in Mexico, where women were proud to do ‘men’s jobs’; the demands of being industrial workers and household heads in South Africa, where women are often the only wage earners in the family; and a form of gender segregation connected with gender equality in Sweden, where women were constructed as equal but were nevertheless found predominantly in one area of production.

Diana Mulinari is Professor of Sociology at the Centre of Gender Studies, University of Lund, Sweden. She has written extensively on gender and development in Latin America, and on the intersections of gender, race, ethnicity, and class in the context of the Swedish welfare state. Her publications include: Complying with Colonialism. Gender, Race and Ethnicity in the Nordic Region (with Suvi Keskiknen, Sari Irni, and Salla Touri, 2009) and Transnational Corporations from the Standpoint of Workers (with Aina Tollefsen and Nora Räthzel).

Nora Räthzel is Professor emerita at the University of Umeå, Sweden and Visiting Professor at the Universities of Surrey, UK, Vigo, Spain, and Vienna, Austria. Her research interests are environmental labour studies, gender, class, ethnic relations in everyday practices, transnational corporations.

Her publications include: Trade Unions in the Green Economy. Working for the Environment (with David Uzzell, 2013) and Transnational Corporations from the Standpoint of Workers (with Diana Mulinari and Aina Tollefsen).

Paula Mulinari, Rebecca Selberg

Der Begriff ‚Anti-Work’ und der marxistisch-feministische Arbeitsbegriff

Abstract Welche Art der Herausforderung stellt die ,Anti-Work’-Perspektive für marxistische und intersektionale Untersuchungen des Arbeitslebens dar? Wie versteht man in diesem anwachsenden Forschungsfeld bezahlte und Reproduktionsarbeit?

In unserem Vortrag werden wir drei literarische Beiträge, die in einer Tradition von ,Anti-Work’ stehen, näher betrachten und sie in ein Gespräch mit unserer eigenen Forschung zu KrankenpflegerInnen und Servicepersonal verwickeln (Selberg 2012, Mulinari, in Vorbereitung, 2016). Das Ziel ist dabei ein zweifaches: erstens, die Tradition von ,Anti-Work’ und ihre Kritik an der Arbeitsethik der kapitalistischen Produktion vorzustellen; zweitens, die von einigen Theoretikern zum Thema ,Anti-Work’ dargestellten Visionen und Utopien mit Hilfe einer Analyse des interdependenten Arbeitsprozesses im Gesundheitswesen in Frage zu stellen. Im Dialog mit Theorien zu ,Anti-Work’ beabsichtigt unser Beitrag, die Rufe nach einer Post-Arbeit-Agenda, die von diesen Wissenschaftlern vertreten werden, sowohl zu affirmieren als auch auf einige ihrer Begrenztheiten hinzuweisen. Darüber hinaus diskutieren wir ihren Beitrag zu einem marxistisch-feministischen Verständnis von Arbeit und deren Transformation.

Daher verbindet unser Beitrag zwei Perspektiven: einerseits feministische ethnografische Forschung zu Interpellation, die auf dem Prozess der Subjektivierung Produktion und Reproduktion in der kapitalistischen Ökonomie fokussiert; andererseits die Meta-Kritik an den Theorien von ,Anti-Work’, die über die Vergeschlechtlichung der Arbeit und während der Arbeit hinausgehen, um die generellen Implikationen der Arbeitsgesellschaft zu verstehen und in Frage zu stellen. Im Gegensatz zu feministischen Publikationen jüngeren Datums zum Paradigma von ,Anti-Work’ liegt der Fokus unseres Beitrags auf der empirischen Ebene.

Paula Mulinari arbeitet am Institut für Sozialarbeit an der Universität Malmö. Ihr Forschungsschwerpunkt sind Probleme, die sich aus Widerstand und Konflikten am Arbeitsplatz ergeben, insbesondere in Serviceberufen. Gegenwärtig forscht sie zu Praxen des Trinkgeld-Gebens in Schweden und zu Formen des Alltagswiderstands von verschiedenen Gruppen von Arbeiter/innen. Jüngste Veröffentlichungen: „Weapons of the poor: Tipping and resistance in precarious times”. In: Economic and Industrial Democracy (2016); “Exploring the experiences of women and migrant medical professionals in Swedish hospitals: Visible and hidden forms of resistance” In: Equality, Diversity and Inclusion: An International Journal, Bd. 8, Nr. 34, S. 666-677 (2015).

Rebecca Selberg ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Gender Studies an der Universität Lund, Schweden. Sie forscht zum Thema Arbeit und Geschlechterverhältnisse in intersektionaler Perspektive. Für ihre Dissertation Femininity at Work erhielt sie den Preis für die beste Arbeit des Jahres in Schweden. Nursing in Times of Neoliberal Change: An Ethnographic Study of Nurses’ Experiences of Work Intensification veröffentlichte sie 2012 im Nordic Journal of Working Life Studies.

Paula Mulinari, Rebecca Selberg

Anti-Work Concept and the Marxist- Feminist Concept of Work

Abstract What type of challenge does the anti-work perspective pose to Marxist intersectional working life studies? What understanding of paid work and reproductive work does this increasing field of research have?

In this paper, we will review three contributions to the tradition of anti-work literature and put them in a conversation with our own research among nurses and service workers (Selberg 2012, Mulinari forthcoming 2016). The aim is twofold. First, to introduce the anti-work tradition and its critique of the work ethic of capitalist production. Second, to challenge the visions and utopias as some anti-work theorists outline them, based on an analysis of the interdependent labour process in health care. In dialogue with anti-work theories this paper aims to both affirm and point to some limitations in the calls for an anti-work perspective and a post-work society agenda put forth by these scholars, as well as to discuss their contribution to Marxist feminist understanding of work and its transformation.

Thus, what this paper does is to align two perspectives: on the one hand feminist ethnographic studies of interpellation, focusing on the process of subjectification under production and reproduction in a capitalist economy; on the other hand the meta-critique of anti-work theorists who move beyond the gendering of and at work in order to understand and challenge the overall implications of the work society. In contrast to recent feminist publications in the anti-work paradigm, the paper maintains a focus on the empirical level.

Paula Mulinari works at the department of social work, Malmö University. Her research focus is on issues of workplace resistance and conflicts, with a specific focus on service work. Her current research is on tipping practices in Sweden, and forms of everyday resistance among different workgroups. Recent publications: “Weapons of the poor: Tipping and resistance in precarious times”. In: Economic and Industrial Democracy (2016); “Exploring the experiences of women and migrant medical professionals in Swedish hospitals: Visible and hidden forms of resistance” In: Equality, Diversity and Inclusion: An International Journal vol 8, nr 34, pp 666-677 (2015).

Rebecca Selberg is a lecturer at the Institute of Gender Studies at the University of Lund, Sweden. She conducts research on work and gender relations in an intersectional perspective. For her dissertation Femininity at Work (2013) she received the price of the best work of the year in Sweden. Nursing in Times of Neoliberal Change: An Ethnographic Study of Nurses’ Experiences of Work Intensification (2012) in Nordic Journal of Working Life Studies is another of her publications.

Pragna Patel

Fundamentalismus, Kulturrelativismus und Frauenrechte im UK-Kontext

Abstract Dieser Beitrag, der sich überwiegend auf die Arbeit der Southall Black Sisters bezieht, untersucht den Anstieg von Fundamentalismus und religiöser Identitätspolitik im Schatten von Krieg gegen den Terror, Rassismus und Austeritätsmaßnahmen im VK. Er erforscht das gleichzeitige Aufkommen eines patriarchalen, legistischen und sozialpolitischen Zugangs gegenüber Frauen von Minderheiten, der von Theorien des Kulturrelativismus untermauert wird. Diese Entwicklungen delegitimieren politische Stimmen des Dissenses und führen zu einem weitreichenden Angriff auf säkulare und fortschrittliche feministische Kämpfe für Gleichheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit.

Pragna Patel ist die Gründerin und Leiterin von Southall Black Sisters (SBS) und von Women Against Fundamentalism. Sie ist in die wichtigsten Fälle und Kampagnen von SBS zu häuslicher Gewalt, Einwanderung und religiösem Fundamentalismus involviert gewesen. Ausführlich hat sie über ‚Rasse‘, Geschlecht und Religion geschrieben, u.a. ‚Faith in the State? Asian Women’s Struggles for Human Rights in the UK’ (in: Feminist Legal Studies, Frühjahr 2008); ‚Multifaithism and the Gender Question: Implications of Government Policy on the Struggle for Equality and Rights for Minority Women in the UK’ (in: Moving in the Shadows. Hg. v. Yasmin Rahman, Liz Kelly and Hannana Siddiqui, Ashgate Publishers, 2013) und vor kurzem, ‚Religion and Caste in the UK: Reflections on Hindu and Sikh Fundamentalist Mobilisations’ (gemeinsam mit Sukhwant Dhaliwal, in: The Social Equality of Religion or Belief. Hg. v. Alan Carling, Palgrave Macmillan, 2016).

Pragna Patel

Fundamentalism, Cultural Relativism and Women’s Rights in the Context of the UK

Abstract Drawing largely on the work of Southall Black Sisters, this paper will examine the rise of fundamentalism and religious identity politics in the shadow of the War on Terror, racism and austerity measures in the UK. It will explore the concomitant emergence of a patriarchal and communalised law and social policy approach to minority women underpinned by cultural relativism. These developments de-legitimate political voices of dissent and amount to a wider assault on secular and progressive feminist struggles for equality, human rights and justice.

Pragna Patel is the founding member and director of Southall Black Sisters (SBS) and Women Against Fundamentalism. She has been centrally involved in SBS’ key cases and campaigns around domestic violence, immigration and religious fundamentalism. She has written extensively on race, gender and religion, including ‘Faith in the State? Asian Women’s Struggles for Human Rights in the UK’, in: Feminist Legal Studies, Spring issue, 2008, ‘Multifaithism and the Gender Question: Implications of Government Policy on the Struggle for Equality and Rights for Minority Women in the UK’, in: Moving in the Shadows, ed. by Yasmin Rahman, Liz Kelly and Hannana Siddiqui (Ashgate Publishers, 2013) and, more recently, ’Religion and Caste in the UK: Reflections on Hindu and Sikh Fundamentalist Mobilisations’ (with Sukhwant Dhaliwal), in: The Social Equality of Religion or Belief, ed. by Alan Carling (Palgrave Macmillan, 2016).

Jelena Petrović

Wofür steht (ll)Legalität heute?[1]

Abstract Die Unmöglichkeit, das neoliberale System zu ändern, welches unser Alltagsleben auf allen gesellschaftlichen Ebenen formt und unterdrückt ebenso wie der gleichzeitige und paradoxe Akt von Reproduktion und Widerstand gegen soziale Strukturen (ein Nebeneffekt zeitgenössischer emanzipatorischer Politik) lassen uns erneut überdenken, worin heute revolutionäre (künstlerische) Praxen bestehen könnten. Die Eigenschaft ‚revolutionär‘ bedeutet, dass diese Praxen – in einem sehr konkreten Kontext – sowohl politisch engagiert als auch die Gesellschaft transformierend sind.

Heute, im Zeitalter des Imperativs der demokratischen Bürgerschaft, dient die selbstgerechte Politik der ‚Ersten Welt‘ dazu, die repressiven Formen der neuen Endlösung zu beschwichtigen. Indem sie eine neue binäre Opposition (illegal/legal) schafft und gleichzeitig die Menschenrechte zum Werkzeug eines neoliberalen Systemaufbaus für sich reklamiert, bietet diese ‚Endlösung‘ eine falsche – wenngleich auch letzte – Wahl zwischen dem permanenten Krieg für das globale Wohl (in anderen Worten: dem Krieg gegen den Terror) und jeder nur möglichen Form radikalen Widerstands gegen die neoliberale Gesellschaft (der präventiv als terroristisch oder illegal bezeichnet wird). Angesichts dessen sollten wir uns die Frage stellen: Wer sind all diese illegalen, undokumentierten, nicht zugelassenen, nicht dazugehörigen, nicht-xyz ‚Bastards‘, die Widerstand leisten oder einfach auch nur außerhalb dieser legalen neoliberalen Unterdrückungsstrukturen bleiben? Was, wenn nur ‚illegal‘ zu bleiben das repressive System der globalen Ungleichheit durchbrechen kann, in dem wir leben? Oder einfacher gefragt: Was sollte heute der Inhalt sozialer Revolution sein – jenseits all der missinterpretierten Vorstellungen von Freiheit und ebenso jenseits eines entleerten revolutionären Vokabulars aus der Geschichte des Widerstands?

Indem er diesen Fragen nachgeht, behandelt der Beitrag die Bedeutung von Illegalität innerhalb der zeitgenössischen neoliberalen Gesellschaft ebenso wie die Bedeutung von Freiheit außerhalb ihrer.

 

Jelena Petrović ist eine feministische Wissenschaftlerin, Kulturtheoretikerin und Kunstarbeiterin. Sie ist Mitverfasserin und -organisatorin von Texten, Events und Projekten zu (post-)jugoslawischen Themen, insbesondere im Hinblick auf (post-)jugoslawische Geschichte, künstlerische Praxen und Feminismus. Sie promovierte an der ISH Ljubljana Graduate School of Humanities (2009) und ist Mitbegründerin und Mitglied des feministischen Kuratorinnen-Kollektivs Red Min(e)d, das sich mit dem Verhältnis zwischen zeitgenössischer Kunst und Feminismus im Raum des ehemaligen Jugoslawien befasst (seit 2011). Seit 2014 lehrt sie feministisches Kuratieren in der zeitgenössischen Kunst an der Akademie der Bildenden Künste und Design der Universität Ljubljana. Sie ist Inhaberin einer Stiftungsprofessur für Zentral- und Südosteuropäische Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, Österreich (2015-17).

Jelena Petrović

What Does (Il)legality Stand for Today?[2]

Abstract The impossibility of changing the neoliberal system which shapes and oppresses everyday life on all social levels, as well as the simultaneous and paradoxical act of reproducing and resisting dominant social structures (a side-effect of contemporary emancipatory politics), puts us in the position to rethink what revolutionary (artistic) practices of today are. The attribute of revolutionary means that these practices – in a very concrete context – are both politically involved and transformative of society.

Today, within the imperative of democratic citizenship, the self-righteous ‘first world’ politics seeks to smooth over repressive forms of the new final solution. By introducing a new binary opposition – illegal/legal –, while claiming human rights as a tool of neoliberal systematic restructuration, this final solution offers a false choice between the permanent war for global good (i.e., the war on terror), and any possible form of radical resistance to the neoliberal society (preemptively marked as a terrorist or illegal one). Facing those alternatives, we should consider the following: who are all those illegal, undocumented, non-allowed, non-belonging, non-xyz ‘bastards’ who resist or just stay outside these legal neoliberal oppressive structures? What, if only by being ‘illegal’ can people break through the repressive system of the global inequality that we live in? Or simply: what should the content of a social revolution be today – beyond all those misinterpreted notions of freedom, as well as beyond an emptied revolutionary vocabulary from the history of resistance?

Following those questions, this paper is about the meaning of illegality within contemporary neoliberal society, as well as on the meaning of freedom outside it.

 

Jelena Petrović is a feminist scholar, cultural theorist and art worker. (Co)Author of texts, events and projects related to (post)Yugoslav subjects – particularly with regard to the (post)Yugoslav history, artistic practices and feminism. She completed her PhD at ISH Ljubljana Graduate School of Humanities (2009). Co-founder and member of the feminist curatorial collective Red Min(e)d that deals with the relationship between contemporary art and feminism in the post-Yugoslav space (since 2011). Since 2014, she has been teaching about feminist curating in the contemporary arts at the Academy of Fine Arts and Design, University of Ljubljana. Appointed as the endowed professor for Central and South Eastern European Art Histories at the Academy of Fine Arts Vienna, Austria (2015-2017).

Monica Quirico

Selbstregierung und Selbstorganisation: der feministische Beitrag zu einem unberechenbaren Marxismus 

Abstract Dieser Beitrag ist Teil eines von mir mitverfassten „Book in Progress”, das sich mit den Theorien und Erfahrungen beschäftigt, die zwar die Frage von Staat und politischer Demokratie nicht vernachlässigen, dabei aber weiter gehen. Anvisiert wird eine Gemeinschaft, innerhalb der die Erschöpfung des Staates nicht die Zuspitzung mehr oder weniger strenger historischer Gesetze, sondern das Ergebnis von Kämpfen und Experimenten wäre, die mittels eines Klassenkonflikts ausgetragen würden. Wenn Selbstregierung und Selbstorganisation in der Geschichte des Marxismus zwar marginal geblieben sind – wobei letztere sowohl von Gegnern als auch von Freunden zumeist mit Staatlichkeit gleichgesetzt wurde –, ist der feministische Beitrag zu diesen Fragen noch peripherer.

Mein Beitrag diskutiert verschiedene theoretische Zugänge und Kampferfahrungen, die mit Selbstregierung und Selbstorganisation in Zusammenhang stehen. Dabei beziehe ich mich auf klassische marxistisch-feministische Denkerinnen wie Alexandra Kollontai, Clara Zetkin und Rosa Luxemburg und auf führende Vertreterinnen des aktuellen sozialistischen Feminismus, mit besonderem Augenmerk auf Nancy Fraser, Judith Butler und Lidia Cirillo. Diese Analyse wird Gelegenheit bieten, im Hinblick auf die Frage nach einer Systemalternative zum neoliberalen Kapitalismus über Beziehungen zwischen Marxismus-Feminismus und anderen linken feministischen Strömungen nachzudenken.

 

Monica Quirico dissertierte zur Geschichte politischer Ideen und Institutionen und zur politischen Philosophie (Universität Rom „La Sapienza”, Fakultät für Politikwissenschaften, 2000). Sie verfügt über eine Lehrbefähigung als Assistenzprofessorin an italienischen Universitäten und ist gleichzeitig ehrenamtliche Forschungsstipendiatin am Institut für Zeitgeschichte der Södertörn Universität in Stockholm, wo sie Beiträge im Rahmen von internationalen Konferenzen und Seminaren gehalten hat.

Gegenwärtig (2015-2017) ist sie Forschungsstipendiatin am Institut zur Geschichte der Widerstandsbewegung und der zeitgenössischen Gesellschaft in Turin, wo sie im Rahmen des internationalen, vom schwedischen Forschungsrat finanzierten Forschungsprogramms „Die Politik des militärischen Verlusts“ (Projektleitung: Cecilia Åse, Universität Stockholm) eine Untergruppe zum Thema Erinnerung an in Afghanistan gefallene italienische Soldaten leitet.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind schwedische und italienische Geschichte und Gesellschaft aus zeitgenössischer Perspektive. Zu diesen Themen hat sie – auf Italienisch, Englisch und Schwedisch – mehrere Bücher und Beiträge in Zeitschriften veröffentlicht

Monica Quirico

Self-Government and Self-Organization: the Feminist Contribution to an Erratic Marxism

 

Abstract This paper is intended as part of a co-authored “book-in-progress” focusing on theories and experiences that, though not neglecting the question of the State and of political democracy, have looked further, towards a community where the exhaustion of the State would not be the culmination of more or less strict historical laws, but rather the outcome of struggles and experiments carried out in the midst of class conflict. If Self-Government and Self-Organization have remained marginal in the history of Marxism – the latter being mostly identified, both by enemies and friends, with statism – feminist contribution to these questions has been even more peripheral.

The paper aims to discuss theoretical approaches and struggle experiences related to Self-Government and Self-Organization both in classic Marxist feminist thinkers such as Alexandra Kollontai, Clara Zetkin and Rosa Luxemburg, and in leading representatives of current Socialist Feminism, with an emphasis on Nancy Fraser, Judith Butler and Lidia Cirillo. This analysis will provide as well the opportunity to think about relationships between Marxist Feminism and other Left feminist currents as far as the question of a systemic alternative to neoliberal Capitalism is concerned.

Monica Quirico got her PhD in History of Political Ideas and Institutions, and Political Philosophy from the University “La Sapienza”, Roma, Faculty of Political Sciences (2000). She has obtained the national scientific qualification for associate professor at the Italian University and is a Honorary Research Fellow at the Institute of Contemporary History, Södertörn University, Stockholm, where she has delivered papers in international conferences and seminars.

Currently (2015-2017) she is research fellow at the Institute for the History of the Resistance movement and of Contemporary Society in Turin, where she carries out the sub-research about commemoration of Italian fallen soldiers in Afghanistan within the international research program “The Politics of Military Loss”, funded by the Swedish VR (project leader: Cecilia Åse, Stockholm University).

Her main research field is Swedish and Italian history and society in comparative perspective; on these issues she has published several books and journal articles in Italian as well as in English and in Swedish language.

Marie Reusch

Mutterschaft und Mutter-Sein im Spannungsgefüge von Herrschaft und Emanzipation

Abstract In der feministischen Debatte geraten Mutterschaft und Mutter-Sein vergleichsweise einseitig unter der Fragestellung ihrer herrschaftlichen Verfasstheit und Überformtheit in den Blick. Dies verschließt utopische, visionäre, kreative Impulse, mit denen Welterschließung und die Suche nach emanzipatorischen Überschüssen möglich würden. Ich plädiere für die Suche nach einer Möglichkeit, Mutterschaft und Mutter-Sein feministisch-kritisch in den Möglichkeitshorizont von Emanzipation zu stellen. Dies ist notwendig, um Mutterschaft und Mutter-Sein im Spannungsgefüge von Herrschaft und Emanzipation analytisch nicht einseitig als Herrschaftsform zu determinieren.

Ich werde einige Überlegungen bzgl. eines komplexen Konzepts zur Analyse von Mutterschaft und Mutter-Sein zur Debatte stellen. Meiner Ansicht nach müssen Mutterschaft als Institution und Mutter-Sein als Praxis im Vermittlungszusammenhang von symbolischer Ordnung und materiellen Verhältnissen auf komplexe Art und Weise bestimmt werden, um eine einseitige Determinierung zu vermeiden und den Blick auf den ‚Möglichkeitssinn‘ zu eröffnen.

 

Marie Reusch, Politikwissenschaftlerin, Forschungsstipendiatin für Politik und Gender am Institut für Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg/Deutschland. Veröffentlichung: Reusch, Marie, 2016: Mutterschaft im feministischen Fokus. Der Zusammenhang von Mutterschaft und Emanzipation in wissenschaftlichen Texten und in Mütter-Blogs. In: Dolderer, Maya et al.: O Mother, Where Art Thou? (Queer-)Feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 126-141.

Marie Reusch

Motherhood and Being a Mother in a Structural Field of Tension between Domination and Emancipation 

 

Abstract In feminist debates motherhood and being a mother are treated rather one-sidedly as being structured and distorted by domination. This closes the door to utopian, visionary, creative impulses facilitating an access to the world and the search for emancipatory overflows. I speak in favour of a feminist and critical possibility to place motherhood and being a mother within the potential horizon of emancipation. This is necessary if, in this structural field of tension between domination and emancipation, we do not want to determinate motherhood and being a mother in a biased way as a kind of domination only.

I will present for discussion some considerations aiming at a complex concept to analyse motherhood and being a mother. In my point-of-view and in the mediation context between the symbolic order and material conditions, motherhood as an institution and being a mother as concrete practice need to be determined in complex ways so as to avoid a biased determination and to open our eyes for the sense of potentiality.

Marie Reusch, political scientist, research fellow at the chair for Politics and Gender, Department of Political Science, Philipps-University Marburg/Germany. Publication: Reusch, Marie, 2016: Mutterschaft im feministischen Fokus. Der Zusammenhang von Mutterschaft und Emanzipation in wissenschaftlichen Texten und in Mütter-Blogs. In: Dolderer, Maya et al.: O Mother, Where Art Thou? (Queer-)Feministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 126-141.

Kathryn Russell

Bündnisse zwischen Aktivist/innen für Arbeitsrechte, für Gerechtigkeit zwischen den ‚Rassen‘ und Umweltaktivist/innen. Liebe, Solidarität und Widerstand.

Abstract Ein auffallendes Merkmal der gegenwärtigen historischen Situation, in der die USA sich befinden, ist die Entstehung von Bündnissen zwischen Aktivist/innen, die sich für Arbeitsrechte, für Gerechtigkeit zwischen den ‚Rassen‘ und für Umweltschutz einsetzen. Ich lege dar, dass diese neuen sozialen Bewegungen Ausdruck eines sich vertiefenden Bewusstseins über die Zusammenhänge zwischen Klimazerstörung und systematischen strukturellen Ungleichheiten sind. Debatten über die Verantwortlichkeit des Kapitalismus für diese beiden Dynamiken sind entstanden, eine Entwicklung, die, wie ich zeigen werde, fruchtbaren Boden für marxistisch-feministische Analysen bietet. Um meine Behauptungen zu belegen, werde ich mich auf meine Erfahrungen in der Widerstandsbewegung gegen den Einsatz fossiler Brennstoffe und in lokalen Organisationen wie der Coalition for Sustainable Economic Development und in SURJ (Showing up for Racial Justice, einer bundesweit agierenden Gruppe, die weiße Menschen in Solidarität mit der Bewegung für das Leben von Schwarzen organisiert) stützen.

Kathryn Russell war Professorin für Philosophie an der State University of New York College in Cortland, ist Aktivistin im Tompkins County Workers’ Center, der Coalition for Sustainable Economic Development and SURJ (Showing Up for Racial Justice). Ihre Forschung im Zusammenhang mit Aktionen gegen Fracking veröffentlichte sie in dem Artikel „Will Fracking Bring the Soldiers Home?” in Peace Review (2013). Zu ihren weiteren Forschungsarbeiten zählen: „Feminist Dialectics and Marxist Theory,” in Radical Philosophy Review (2007); und „A Value-Theoretic Approach to Childbirth and Reproductive Engineering,” in Science and Society (Fall 1994) und Materialist Feminism: A Reader in Class, Difference and Women’s Lives, hrsg. v. Rosemary Hennessy und Chrys Ingraham (1997).

Kathryn Russell

Alliances among Labor, Racial Justice and Environmental Activists. Love, Solidarity and Resistance.

Abstract In the US, a striking feature of our historical conjuncture is the emerging alliance among labor, racial justice and environmental activists. I will argue that these new social movements mark a deepening awareness of the connections between climate disruption and systematic structural inequalities. Healthy debates over capitalism’s culpability for both of these dynamics have emerged, a development that, I will contend, provides fertile ground for Marxist feminist analyses. As illustrations of my claims, I will use my experiences in the fossil fuel resistance movement and in local organizations such as the Coalition for Sustainable Economic Development and in SURJ (Showing Up for Racial Justice, a national group organizing white people in solidarity with the Movement for Black Lives).

Kathryn Russell is a professor of philosophy emerita from the State University of New York College at Cortland, is an activist with the Tompkins County Workers’ Center, the Coalition for Sustainable Economic Development and SURJ (Showing Up for Racial Justice). Anti-fracking action-research led to her article “Will Fracking Bring the Soldiers Home?” Peace Review (2013). Other scholarship includes “Feminist Dialectics and Marxist Theory,” Radical Philosophy Review (2007); and “A Value-Theoretic Approach to Childbirth and Reproductive Engineering,” in Science and Society (Fall 1994) and Materialist Feminism: A Reader in Class, Difference and Women’s Lives, ed. by Rosemary Hennessy and Chrys Ingraham (1997).

Ariel Salleh

Marxismus und Ökofeminismus

Abstract Im Kapitalismus ist die Verdinglichung und Ausbeutung der Umwelt auf komplexe Weisen an die strukturelle Über-Ordnung von Männern und ihre Nutzung von Frauen als Ressource gebunden. Dennoch und paradoxerweise hat die historische Verortung von Frauen als „Vermittlerinnen der Natur“ für Männer den Ökofeminismus als gegen die Globalisierung gerichtete Basisbewegung, als Kritik an der Geschlechterideologie, als eine ökologische Ethik und als eine Epistemologie von unten entstehen lassen. Er trifft auf eine Dialektik der inneren Beziehungen, eine Ontologie der Natur als mehrdimensional und prozesshaft; und auf eine menschliche Identität, deren durch Arbeit entstehender Austausch mit der Natur als Selbstbestätigung wirkt. Ökofeministinnen begrüßen die Bemühungen sozialistischer Feministinnen der 70er und 80er Jahre, die weibliche Hausarbeit innerhalb der marxistischen Problematik zu verorten. Ein „verkörperlichter Materialismus“ ergänzt nunmehr diese ökonomische Analyse des Raumes zwischen Kapital und Arbeit, indem er den Raum zwischen Arbeit und Natur ins Visier nimmt. Das verschiebt die Politik von einem androzentrischen Rahmen hin zu einem ökozentrischen.

Ariel Salleh ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Politische Ökonomie der Universität Sydney und Gastprofessorin für Kultur, Philosophie und Umwelt an der Nelson Mandela Metropolitan University, Port Elizabeth, Südafrika; im Jahr 2013 war sie Senior Fellow am Kolleg Postwachstumsgesellschaften an der Friedrich Schiller-Universität Jena.

Ariel Salleh

Marxism and Ecofeminism 

Abstract Under capitalism, objectification and exploitation of the environment is in complex ways tied to the structural super-ordination of men and their resourcing of women. Yet paradoxically, women’s historical positioning as “mediators of nature” for men, has inspired ecofeminism as a grassroots counter-globalisation movement, a sex-gendered ideology critique, an ecological ethic, and an epistemology from below. It converges with a dialectic of internal relations, an ontology of nature as multi-dimensional and processual; and a human identity whose labour interaction with nature is self-affirming. Ecofeminists enjoin the efforts of socialist feminists in the 70s and 80s to situate women’s domestic labour in a Marxist problematic. An ’embodied materialism’ now complements that economic analysis of the space between capital and labour by focusing on the space between labour and nature. This shifts politics from an androcentric to an eco-centric frame.

Ariel Salleh is a Research Associate in Political Economy, The University of Sydney; Visiting Professor in Culture, Philosophy and Environment, Nelson Mandela Metropolitan University; and 2013 Senior Fellow in Post-Growth Societies, Friedrich Schiller University Jena.

 

Pınar Sarıgöl

Mutterschaft im neoliberalen Familien-Unternehmen

 

Abstract Michel Foucaults Werk befasst sich kritisch mit der Rationalität des Neoliberalismus und seiner ökonomischen Subjekte, die ihren Begehrlichkeiten und Interessen in allen Lebensbereichen auf der Spur sind, indem sie es auf kluge Weise vermeiden, in die Fallen des Marktes zu tappen. Dies bedeutet, dass der Erfolg des Individuums an der großartigen Internalisierung neoliberaler Rationalität gemessen wird, die ihre Subjekte mit den Notwendigkeiten und der Bedeutung von Selbstwertgefühl, Selbstdisziplin und Selbst-Unternehmertum ausstattet, die es ihnen wiederum ermöglichen, ihr Außen- und ihr Innenleben zu führen. Foucaults Schriften zufolge wurde diese Fähigkeit des Subjekts zur Selbstregierung durch Techniken des Selbst und durch die politischen Techniken der Vernunft, die uns dazu führen, dass wir dieser Rationalität mit Vergnügen entsprechen, implizit und schrittweise konstruiert. All unsere sozialen Beziehungen und erlernten sozialen Rollen erlangen Bedeutung und Funktionalitäten, weil sie in die Marktrationalität eingebettet sind. Eine dieser Rollen, jene der Mutterschaft, ist zur idealen Rolle der Frau auserwählt worden.

Es ist wert zu betonen, dass heutzutage Mutterschaft im Kontext der Werte von Familie und Nation definiert wird. Frauen sind inmitten der Schwierigkeiten der Geschlechtergleichberechtigung gefangen, welche die Frauen eigentlich unterordnet genauso wie sie die peripheren Sexualitäten neu interpretiert. Im Rahmen dieses Beitrags möchte ich über die Herausbildung des weiblichen Subjets und ihren unbeirrbaren Willen sprechen, unter dem neoliberalen Dach der Familie eine (ideale) Mutter zu sein. Ich werde meine Analyse mit dem Brennglas der neoliberalen Gouvernementalität vornehmen.

 

Pınar Sarıgöl studierte am Institut für Politikwissenschaft an der Middle East Technical University in Ankara (BA) und Gender Studies an der Ankara University (MA). Sie schreibt ihre Dissertation zu „Gender, Biopolitics and Neoliberal Governmentality in Turkey“ an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Deutschland.

 

 

Pınar Sarıgöl

Motherhood in the Neoliberal Family Corporation

 

Abstract Michel Foucault’s oeuvre critically deals with the rationality of neoliberalism and its economic subjects who trace their desires and interests in all areas by cleverly avoiding to fall into the traps of the market. This means that the success of the individual is measured in terms of the great internalization of neoliberal rationality which imbues its subjects with the necessities and importance of pursuing self-esteem, self-discipline and becoming self-entrepreneurs in order to manage conducting their external and internal worlds. According to Foucauldian literature, this ability of the subject to be self-governing has been implicitly and gradually constructed by technologies of the self and the political technologies of reason, which have led the subject to comply with this rationality with pleasure. All our social relations and learned social roles gain meaning and functionalities, because they are embedded in market rationality. One of these roles, motherhood, has been selected as the ideal role for women. It is worth stressing that nowadays motherhood is defined in the context of family values and values of the nation. Women are caught in the conundrums of gender equality, which intrinsically subordinates women just as it re-interprets peripheral sexualities. Within the limits of this presentation, I would like to talk about the formation of the female subject and the irresistible desire of being a(n) (ideal) mother under the neoliberal roof of the family. My analysis uses the lens of neoliberal governmentality.

 

Pınar Sarıgöl received her BA from the department of Political Science at the Middle East Technical University in Ankara. Her master degree was completed in Gender Studies at Ankara University. She is currently a member of Bielefeld Graduate School in History and Sociology and working on her project entitled “Gender, Bio-Politics and Neoliberal Governmentality in Turkey”.

 

 

Zoe Sutherland, Marina Vishmidt

Die Differenz und das Universelle in den Vermächtnissen des Feminismus

Abstract Feministische Kämpfe waren oft mit der Problematik von Einheit und Spaltung belastet, wobei der theoretische Rahmen hierfür typischerweise durch die Binarität eines bösen Universalismus und der Notwendigkeit des Bestehens auf Differenz zum Ausdruck kommt. In unserem Beitrag argumentieren wir, dass sich der Marxismus-Feminismus besonders dafür eignet, diese Problematik zu durchdenken. Wir werden einen Überblick über Vektoren der Differenz und des Universalismus in der Geschichte der feministischen Bewegung geben. Dabei werden wir im Besonderen auf die Spannung zwischen Autonomie und Separatismus eingehen, wie sie sich an den unterschiedlichen Wegen auftut, die der Feminismus eingeschlagen hat. Darüber hinaus werden wir den Fokus auf die Verbindungen legen, die zwischen Affirmation und Leugnung der Differenz einerseits, der schlechten Universalität der formalen Gleichheit andererseits bestehen. Totalität und Universalismus haben unterschiedliche politisch-philosophische Herkünfte, verfügen jedoch über Affinität insofern als beide sich auf das ‚Ganze‘ berufen. Indem wir einzelne Episoden – wie bspw. die radikalfeministischen Kämpfe und die heutigen Polemiken zwischen ‚Afro-Pessimismus‘ und ‚Schwarzem Optimismus‘ – ebenso wie das Wiederaufleben von Begriffen der Totalität – in den Diskursen des ‚Xeno-Feminismus‘ und der Geschlechterabschaffung – betrachten, schlagen wir vor, Differenz und Emanzipation durch die Kategorie der Totalität zu vermitteln, wobei das Risiko besteht, in jeweils ‚bloße‘ Differenz oder abstrakte Herrschaft zu verfallen. Und darin liegt der Grund dafür, dass der marxistisch-feministische Rahmen die überzeugendste theoretische Position und das ebensolche Werkzeug kritischer Analyse darstellt.

Zoe Sutherland ist eine in London und Brighton tätige Autorin und Lehrbeauftragte. Sie unterrichtet kontinentale Philosophie, kritische Theorie, radikale Politik und Ästhetik an der Universität Brighton. Ihre Forschung konzentriert sich auf materialistische und marxistische Feminismen, Körperpolitiken, zeitgenössische künstlerische Praxis und die ‚globale‘ Kunstwelt.

Marina Vishmidt ist eine in London ansässige Autorin und Lehrbeauftragte, die sich mit Themen wie materialistischem Feminismus, Kunst, Arbeit und Wert befasst. Sie ist Autorin von Speculation as a Mode of Production (erscheint in Kürze bei Brill) und von Reproducing Autonomy (gemeinsam mit Kerstin Stakemeier bei Textem and Mute, 2016). Sie ist Mitglied der Fakultät für Theorie am Dutch Art Institute, hält Vorlesungen zu Geschichte und Kritik von Künstler/innen an der Universität Brighton und hat an der Universität der Künste in Berlin, am Sandberg Institut, am Central Saint Martins College und an der Goldsmiths University (beides London) unterrichtet.

Zoe Sutherland and Marina Vishmidt

Difference and the Universal in Legacies of Feminism

Abstract Feminist struggle has often oriented around the problematic of unity and separation, the theoretical framing of which is typically expressed through the binary of a bad universalism and the necessity of insisting upon difference. This paper will argue that Marxist-Feminism is especially apt to think through this problematic. It will survey vectors of difference and universalism in the history of the feminist movement, focusing particularly on the tension between autonomy and separatism, as it played out in the divergent paths of feminisms and tracing the binds between affirmation and negation of difference contra the bad universal of formal equality. Totality and universalism have disparate political-philosophical lineages, yet have strategic affinity in that both invoke the ‘whole’. Looking through episodes such as radical feminist struggles, and today’s polemics between ‘afro-pessimism’ and ‘black optimism’, as well as the revival of notions of totality in the discourses of ‘xeno-feminim’ and gender abolition, this paper will propose that difference and emancipation have to be mediated by the category of the totality, at the risk of lapsing into ‘mere’ difference or abstract domination, respectively. And it is in this that the Marxist-Feminist framework is the most compelling theoretical position and tool of critical analysis.

Zoe Sutherland is a writer and lecturer based in London and Brighton. She teaches in continental philosophy, critical theory, radical politics and aesthetics at the University of Brighton. Her research revolves around materialist and Marxist feminisms, the politics of the body, contemporary artistic practice and the ‘global’ art world.

Marina Vishmidt is a London-based writer and lecturer dealing with questions around materialist feminism, art, labour and value. She is the author of Speculation as a Mode of Production (Brill, forthcoming) and Reproducing Autonomy (with Kerstin Stakemeier, Textem and Mute, 2016). She is part of the Theory faculty at the Dutch Art Institute, lectures in the history and criticism of artists’ moving image at the University of Brighton, and has taught at the University of the Arts in Berlin, Sandberg Institute, Central Saint Martins, and Goldsmiths.

Carmen Teeple Hopkins

Säkularismus und sexistische Islamophobie in Quebec und in Frankreich: eine antirassistische, feministisch-marxistische Antwort 

 

Abstract Der Säkularismus, die Trennung der Kirche vom Staat, ist ein historisch verankerter und politisch aufgeladener Begriff sowohl in Quebec als auch in Frankreich, der regelmäßig dazu verwendet wird, Gesetze gegen die Verschleierung zu rechtfertigen. In beiden Kontexten geht das Konzept des Säkularismus auf Kämpfe gegen die Macht der katholischen Kirche zurück. In jüngerer Vergangenheit hat die französische Regierung zwei Gesetze zur religiösen Bekleidung verabschiedet, die auf der Überzeugung beruhen, dass Religion in der Öffentlichkeit keinen Platz haben solle: ein Gesetz aus dem Jahr 2004, das das Tragen religiöser Bekleidung an öffentlichen Schulen verbietet, und ein Gesetz aus dem Jahr 2011, das Gesichtsverschleierung in der Öffentlichkeit untersagt. In Quebec existiert zwar kein ähnliches Gesetz, aber es gibt eine Geschichte an Kontroversen zum Thema Säkularismus und den Versuch, einen Gesetzesvorschlag einzubringen, der aber gescheitert ist.

Die sexistisch, rassistisch und klassistisch diskriminierenden Auswirkungen dieser Gesetze auf verschleierte Frauen in Frankreich sind von Wissenschaftler/innen ebenso dokumentiert (Chouder, Latrèche, & Tevanian, 2008; Hajjat & Mohammed, 2013) worden wie die rassistischen Auswirkungen in Quebec (Leroux, 2010; Mahrouse, 2010). Darüber hinaus gibt es eine wachsende Literatur zu den politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf das Leben verschleierter Frauen durch (1) das Verhältnis zwischen Konsum und der neoliberalen Bewerbung von Schleiern gegenüber Frauen im Nahen Osten (Gokariksel & Secor, 2009; Gokariksel & McLarney, 2010; Gould, 2014) und (2) das hohe Ausmaß an Diskriminierung, das verschleierte muslimische Frauen im Verlaufe von Anstellungsprozessen (Ghumman & Ryan, 2013; Rootham, 2015) und auf bezahlten Arbeitsplätzen (Teeple Hopkins, 2015) erfahren. Ich selbst habe zur Forschung beigetragen, indem ich verschleierte muslimische Frauen als Arbeiterinnen theoretisiert habe, die in Quebec ebenso wie in Frankreich zumeist prekär beschäftigt oder arbeitslos sind.

Ich plädiere für die Verwendung des Begriffs der ‚sexistischen Islamophobie’, um die sexistischen, rassistischen und klassistischen Diskriminierungserfahrungen, die verschleierte muslimische Frauen an ihren prekären Arbeitsplätzen jenseits der Schleierdebatten machen, zu bezeichnen. Mein aus drei Teilen bestehender Beitrag vergleicht zunächst die Gesetze bzw. vorgeschlagenen Gesetzesanträge zum Säkularismus sowohl in Frankreich als auch in Quebec. Zweitens untersuche ich die soziale und ökonomische Lage, die sich aus der Arbeit oder Arbeitslosigkeit verschleierter muslimischer Frauen ergibt, auf der Grundlage von statistischer Analyse, Medienanalyse und sekundären Quellen. Schließlich verwende ich die Arbeit der antirassistischen feministischen Marxistin Himani Bannerji (1995), die die Ausbeutung farbiger Frauen im Arbeitsprozess theoretisch erfasst, um zu zeigen, dass eine antirassistische marxistische Antwort auf die Säkularisierungsdebatten gleichbedeutend ist mit der Ablehnung von Gesetzen gegen Verschleierung.

Carmen Teeple Hopkins ist promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterin an der School of Geography and the Environment an der Universität Oxford, wo sie ein Stipendium vom Fonds de Recherche du Québec – Société et Culture bezieht. Sie ist eine feministische Wirtschaftsgeografin, die über prekär beschäftige Frauen in Quebec und Frankreich aus der Perspektive der Arbeitsgeografie, der antirassistischen feministischen politischen Ökonomie und der kritischen Urbanistik forscht. Ihre Forschungsinteressen umfassen gesellschaftliche Reproduktion, Transnationalismus, Neoliberalismus, Säkularismus, Gentrifizierung und Analysen zu Geschlecht, ‚Rasse’, Klasse, Ability und Sexualität. Sie dissertierte im Fachbereich Geografie und Planung an der Universität Toronto.

Carmen Teeple Hopkins

Secularism and Sexist Islamophobia in Quebec and France: An Antiracist Feminist-Marxist Response 

 

Abstract Laïcité, the secular division of Church from State, is a historically rooted and politically charged term in both Quebec and France that is regularly used to justify anti-veiling laws. In both contexts, the concept of laïcité goes back to struggles that challenged the power of the Catholic Church. In recent years, the French government passed two laws on religious dress based on the belief that religion should not overlap with public spaces: a 2004 law that prohibits religious dress from public school spaces and a 2011 ban on face veils in public spaces. A similar law does not exist in Quebec, but there is a history of laïcité controversies and a recent bill attempt that failed.

Researchers document the gendered, racialized, and classed impacts of these laws on veiled Muslim women in France (Chouder, Latrèche, & Tevanian, 2008; Hajjat & Mohammed, 2013) and the racialized effects in Quebec (Leroux, 2010; Mahrouse, 2010). As well, there is a growing literature on the political economic dimensions of veiled women’s lives through: (1) the relationship between consumption and the neoliberal marketing of veils to women in the Middle East (Gokariksel & Secor; 2009; Gokariksel & McLarney, 2010; Gould, 2014); and (2) high levels of discrimination that veiled Muslim women experience during hiring processes (Ghumman & Ryan, 2013; Rootham, 2015) and at paid workplaces (Teeple Hopkins, 2015). I contribute to the latter political economy scholarship by theorizing veiled Muslim women as workers, who tend to be precariously employed or unemployed in Quebec and France.

The paper argues for the term ‘sexist islamophobia’, as a way to specify the gendered, racialized, and classed experiences of veiled Muslim women’s precarious employment amidst the veil debates. Divided into three parts, the paper first compares laïcité laws or proposed bills in French and Quebec. Second, it identifies the socio-economic positioning of veiled Muslim women’s employment or unemployment through statistical analysis, media analysis, and secondary sources. Finally, I use the work of the antiracist feminist Marxist Himani Bannerji (1995) who theorizes the exploitation of women of colour in the labour process to demonstrate that an antiracist Marxist response to the laïcité debates means opposing anti-veiling laws.

Carmen Teeple Hopkins is a postdoctoral fellow at the School of Geography and the Environment at the University of Oxford, funded by the Fonds de Recherche du Québec – Société et Culture. She is a feminist economic geographer whose research examines precariously employed women in Quebec and France from the perspective of labour geography, antiracist feminist political economy and critical urban studies. Her research interests include social reproduction, transnationalism, neoliberalism, secularism, gentrification, and analyses of gender, race, class, ability and sexuality. She received her PhD in Geography and Planning from the University of Toronto.

Patrícia Vieira Trópia

Frauen in der brasilianischen Gewerkschaftsbewegung

Abstract In Brasilien existiert seit den 1970er Jahren ein neuer Zugang zu Studien über die Arbeitswelt, der der Wahrnehmung folgt, dass „die Arbeiterklasse aus zwei Geschlechtern besteht“. Seit damals werden mit der Intensivierung der Ausbeutung von Frauenarbeit und dem Fehlen von Zahlungsgerechtigkeit, Arbeit und Politik zusammenhängende Themen diskutiert. Evident ist auch, dass diese Themen zum Großteil von den Frauenkämpfen in- und außerhalb des Arbeitsplatzes angeregt wurden. Wenn jedoch die Geschlechterkategorie für das Verständnis der Arbeitsverhältnisse und insbesondere der ‚perversen‘ Formen von Herrschaft, die in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens bestimmend geworden sind, zentral geworden ist, so sind Themen wie die arbeitende Frau, Feminismus und Aktivismus weniger attraktiv. In den 1990er Jahren hat die brasilianische Gesellschaft – aufgrund der kapitalistischen Restrukturierung – tiefgreifende Veränderungen durchgemacht: die Reorganisation der Produktion, Automation, Robotik, Budgetanpassung, Verringerung der Sozialausgaben, ökonomische Öffnung und Privatisierung von Staatsbetrieben. All diese Veränderungen betreffen die Klassenstruktur und den Arbeitsmarkt, insofern sie zu einem Anstieg informeller Arbeit und Arbeitslosigkeit geführt haben. Die Schaffung der ‚Nationalkommission zu den Problemen arbeitender Frauen‘ in der größten brasilianischen Gewerkschaft – der ‚Central Única dos Trabalhadores‘ – im Jahr 1986 ist ein Beispiel für diese Veränderung. Obwohl in den 90ern die Anzahl der gewerkschaftlich Organisierten aufgrund hoher Arbeitslosigkeit zurückgegangen ist, haben die Gewerkschaften versucht, diese Entwicklung umzukehren und verstärkt weibliche Mitglieder anzuziehen und anzuwerben, indem sie eine Quotenregelung in den Vorständen einführten. Seit die Arbeiterpartei an die Macht kam, ist einiges an Fortschritt passiert, z.B. haben die Arbeiterinnen in privaten Haushalten – nach einem Disput im Parlament im Jahr 2015 – ihre Rechte verbessern können. Das Ziel meines Beitrages besteht darin, die wichtigsten Kämpfe, Aktionsformen und Forderungen der Aktivistinnen der Gewerkschaftsbewegung in Brasilien darzustellen.

 

Patrícia Vieira Trópia ist Professorin an der Universität Uberlandia in Brasilien. Sie hat einen Master in Politischen Wissenschaften und dissertierte in Sozialwissenschaften an der staatlichen Universität Campinas in Brasilien. Sie habilitierte an der Universität Lyon 2, Frankreich. Ihre Forschungsbereiche sind soziale Klassen, Gewerkschaften und Marxismus. Ihre letzten Veröffentlichungen sind: „Força Sindical: politics and ideology in Brazilian unionism”, (2009), „Metalworkers unions in contemporary Brazil“ (Herausgeberin, 2012). 2016 gab sie das Buch: „Women workers: (in) visible?” heraus.

Patrícia Vieira Trópia

Women in the Brazilian’s Trade Union Movement

Abstract In Brazil, since the 1970s, there has been a new approach to studies about labour following the perception that “the working class has got two genders”. Since then, issues related to the intensification of the exploitation of women’s work and the lack of pay equity, labor and politics have been discussed. It is also evident that these issues were largely driven by the performance of women’s struggles within and beyond the workplace. However, if the gender category has become central to understanding working relationships and especially to highlight the perverse forms of domination that exist in large areas of social life, the themes of working women, feminism and activism have been much less attractive. Brazilian society has undergone profound changes in the 90s due to the restructuring of capitalism – reorganization of production, automation, robotics, fiscal adjustment, social cutbacks, economic opening, and privatization of state enterprises. All those changes affect the class structure and job market including an increase in informal employment and unemployment. Women, who traditionally were placed in low qualified and low paid jobs, had their working conditions, health and life deteriorated. There has been an increased participation of women in the informal labour market, subcontracted housework, part-time and temporary work. Since the 80s, the most progressive trade unions in Brazil have been seeking to attract women. The creation in 1986 of the National Commission for the Issues of Working Women within the largest Brazilian trade union – Central Única dos Trabalhadores – is an example of this change. Although in the 90s, unemployment has reduced the number of unionized members, the trade unions, seeking to reverse this drop, began to attract and stimulate female membership by implementing policies of quotas on board staff. Since the Labour Party came to power, some progress has happened. For example, after a Parliamentary dispute in 2015 the Household Workers obtained some legal rights. The objective of this communication is to present what have been the main struggles, forms of action and claims of Brazilian activist women in the trade union movement.

Patrícia Vieira Trópia is professor of social sciences at the Federal University of Uberlandia, Brasilien. She has a Master Degree in Political Science and a PhD in Social Sciences from Campinas State University (Brazil) and a Post-Doctoral Degree from the University of Lyon 2 (France). She researches social class, unionism and Marxism. She is the author of the book “Força Sindical: politics and ideology in Brazilian unionism”, published in 2009 and editor of the collection “Metalworkers unions in contemporary Brazil”, published in 2012. In 2016 she edited the book “Women workers: (in) visible?”

Deniz Ulusoy

Unterdrückung und Widerstand in der Türkei

Abstract Die Türkei als ein Land, in dem die Industrialisierung spät einsetzte und wo unterschiedliche Formen des Patriarchats nebeneinander existieren, ist ein beredtes Beispiel dafür, wie Patriarchat und Kapitalismus sich gegenseitig Vorteile verschaffen und wie diese Verhältnisse miteinander verwoben sind. Die herrschende Partei – Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) – versucht seit 2002 die Erfordernisse dieser beiden Systeme miteinander in Einklang zu bringen, was sich in der Familienpolitik, im Arbeitsrecht und in der zunehmenden Betonung der Religion niederschlägt, wobei letztere dazu dient, Geschlechterunterschiede und -ungleichheit auf Grundlage der göttlichen Schöpfung (fıtrat) zu rechtfertigen. In diesem Bereich der Aussöhnung von Patriarchat und aktuellem Kapitalismus, die als Neo-Konservativismus bezeichnet werden kann, zeitigen die Bemühungen, Frauen sowohl innerhalb des Hauses als auch auf dem Arbeitsmarkt verwundbarer zu machen ebenso wie der Einfluss des Bürgerkriegs in Kurdistan eine Zunahme von Männergewalt, was an der steigenden Anzahl an Frauenmorden ablesbar ist. Andererseits und obwohl sie immer mehr zwischen der Familie (und der unbezahlten Arbeit), prekären Arbeitsbedingungen (bezahlte Arbeit) und Männergewalt gefangen sind, weichen die Frauen nicht zurück, sie leisten Widerstand und werden sich ihres Rechts auf Selbstverteidigung zunehmend bewusst. Die Zunahme des Drucks auf Frauen resultierte in der Zunahme von Akten des Widerstands und der Entstehung einer jungen Generation von Feministinnen.

Deniz Ulusoy ist eine feministische Aktivistin, die zurzeit in Ankara lebt. Sie war Mitfrau im Sozialistisch-Feministischen Kollektiv und im Istanbuler Feministischen Kollektiv. Neben ihren Aktivitäten in verschiedenen Frauenplattformen schrieb sie für Feminist Politika (Feministische Politik) – der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift des Sozialistisch-Feministischen Kollektivs – und für Mutfak Cadıları (Küchen-Hexen), dem Online-Bulletin der Kommission für Frauenarbeit im Sozialistische-Feministischen Kollektiv, und zwar hauptsächlich zum Thema Frauenarbeit und Konservativismus. Sie arbeitet als freiberufliche Übersetzerin.

Deniz Ulusoy

Oppression and Resistance in Turkey

Abstract Turkey, as a late industrializing country, where different forms of patriarchy co-exist, could be considered a revealing example of the way patriarchy and capitalism may have mutual benefits and interlinked relations. The ruling party – Justice and Development Party (AKP) – since 2002 seeks to reconcile the requirements of these two systems. This is obvious in family politics, labor laws and an increasing accent on religion, the latter serving to justify gender differences and inequality on the basis of divine creation (fıtrat). In this era of reconciliation between patriarchy and late capitalism, which can be labelled as an era of neo-conservatism, efforts to make women more vulnerable at home and in the market, together with the impact of civil war in Kurdistan, have resulted in male violence, as can be seen in the increasing rates of femicide. On the other hand, despite becoming more and more trapped between family (unpaid labour), precarious conditions of work (paid labour) and male violence, women do not step back, they resist and are more conscious of their right to self-defense. This tightening of the pressure over women has resulted in the spreading of acts of resistance, and the emergence of a young feminist generation.

Deniz Ulusoy is a feminist activist, currently living in Ankara. She was a member of the Socialist Feminist Collective and a member of the Istanbul Feminist Collective. Along with working in various women’s platforms, she contributed as a writer to Feminist Politika (Feminist Politics) – the quarterly magazine published by Socialist Feminist Collective – and to Mutfak Cadıları (Kitchen Witches), the online bulletin of the Female Labour Commission within the Socialist Feminist Collective, mainly on the subject of female labour and conservatism. She works as a freelance translator.

Barbara Umrath

Marxistisch-feministische Theoriebildung als Projekt einer andauernden kritischen Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule

Abstract In ihrem Vortrag zeichnet Barbara Umrath nach, wie sich feministische Theoretiker_innen, beginnend mit Herbert Marcuses Vortrag zu „Marxismus und Feminismus“ aus dem Jahre 1974, über mehrere Jahrzehnte kritisch mit der Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule auseinandergesetzt haben. Bisherige feministische Re-Lektüren wiesen auf zwei zentrale Schwachstellen dieser Tradition hin: zum einen auf die mangelnde Berücksichtigung der Subjektivität und Handlungsfähigkeit von Frauen, zum anderen auf das Fehlen einer systematischen Berücksichtigung von Geschlechterfragen. Aus einer zeitgenössischen feministischen Perspektive ließe sich dem hinzufügen, dass die Kritische Theorie Zweigeschlechtlichkeit nicht infrage stellt und damit ein zentrales Element des bürgerlich-hegemonialen Geschlechterdiskurses reproduziert. In ihrem Vortrag wird Barbara argumentieren, dass diese Kritiken auf wichtige Entwicklungen innerhalb einer feministisch-(post-)marxistischen Theorie verweisen, eine Re-Lektüre zentraler Konzepte der Kritischen Theorie für zeitgenössische feministische Theorie aber nichtsdestotrotz produktiv ist.

Barbara Umrath ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TH Köln. In ihrer Promotion unterzieht sie die Gesellschaftstheorie der Kritischen Theorie einer Re-Lektüre aus der Perspektive zeitgenössischer Geschlechterforschung.

Flora Eder

Kritik der vergeschlechtlichten Vernunft: Anknüpfungspunkte bei Adorno und Horkheimer zu Subjekt und Geschlecht

Abstract Welchen Beitrag kann die Kritische Theorie Theodor W. Adornos und Max Horkheimers für eine materialistisch-feministische Erkenntniskritik leisten? Diese Frage steht im Zentrum dieses Beitrags. Zu ihrer Beantwortung wird der doppelte Subjektbegriff der Autoren, insbesondere jener Adornos, herausgearbeitet und dazu vor allem auf die Texte Dialektik der AufklärungZu Subjekt und Objekt sowie Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie Bezug genommen. Es wird gezeigt, wie der Begriff des Subjekts hier immer beides bedeutet: unterworfenes/unterwerfendes Individuum wie auch das Subjekt der Erkenntnis. Die These des Beitrags ist, dass Geschlecht in beiden Begriffssphären jeweils eine zentrale, voneinander unterschiedene, jedoch dialektisch miteinander in Bezug stehende Rolle spielt. Anknüpfend an Max Horkheimers Kritik der instrumentellen Vernunft werden Eckpunkte für eine „Kritik der vergeschlechtlichten Vernunft“ präsentiert.

Flora Eder ist Dissertantin an der Universität Wien. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit feministischen Anknüpfungspunkten am Subjektbegriff der frühen Kritischen Theorie. Ab Herbst 2016 wird sie an der Humboldt-Universität zu Berlin dazu weiterarbeiten.

Karin Stögner

„Race – Class – Gender“: Ein inklusives Konzept?

Abstract Intersektionalität – eines der vielleicht wichtigsten analytischen Konzepte der Neuen Linken – nimmt die Multidimensionalität von Unterdrückung in modernen Gesellschaften in den Blick: Sie setzt Unterdrückungsformen aufgrund von Ethnizität und Geschlecht mit den Klassenverhältnissen in Beziehung und analysiert, wie diese drei Kategorien durcheinander vermittelt sind.

Intersektionalität ist jedoch nicht nur ein analytisches Konzept, sondern zugleich auch politisches Programm. Das wird deutlich bei Angela Davis, einer Ikone der Black Power-Bewegung und bestimmter Ausprägungen des US-Feminismus. Sie entlarvt die Spannung zwischen Allgemeinem und Besonderem als Triumph der weißen männlichen Suprematie über die ethnische und nicht männlich konnotierte Minderheit, selbst dort, wo diese die zahlenmäßige Mehrheit ist. Auffällig an einigen gegenwärtigen Debatten um Intersektionalität ist indessen, dass Juden und Jüdinnen nicht als eine Minderheit mit besonderen, zu schützenden Interessen gelten, sondern als Repräsentant_innen eines weißen Suprematieanspruchs. Ihnen wird das „Recht auf Besonderheit“ abgesprochen. Dementsprechend wird auch der Zionismus nicht als nationale Befreiungsbewegung begriffen, sondern ausschließlich als eine der letzten Bastionen des Imperialismus und Kolonialismus. In dem Vortrag geht es darum, wie diese Entwicklungen vor dem Hintergrund der Kritischen Theorie zu bewerten sind. Es geht um die Frage, ob das Konzept der Intersektionalität für einen kritischen Feminismus, der Juden und Jüdinnen nicht ausschließt, zu retten ist.

Karin Stögner studierte Soziologie und Geschichte in Wien und Paris und ist derzeit Gastprofessorin für Kritische Theorie an der JLU Gießen. Sie ist ferner Dozentin für Gesellschaftstheorie und Gender Studies an der Universität Wien und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung, ebenfalls in Wien. 2009-2011 forschte sie an der Central European University in Budapest zu Antisemitismus und Nationalismus, 2013 an der Lancaster University in Großbritannien und 2014 an der Georgetown University in Washington, D.C. Aktuelle Publikationen: Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos 2014. Sozialwissenschaftliche Denkweisen. Eine Einführung (gemeinsam mit Friedhelm Kröll), Wien: new academic press 2015. Zahlreiche weitere Publikationen in den Bereichen Antisemitismus, Gender, Nationalismus und Kritische Theorie.

Barbara Umrath

Marxist-Feminist Theorizing as a Project of Continuing Critical Engagement with the Frankfurt School

Abstract Barbara Umrath’s presentation will show how starting from Herbert Marcuse’s paper Marxism and Feminism, first delivered in 1974, feminist theorists have critically engaged with the Frankfurt School tradition of social theory for several decades now. While feminists acknowledged that the particular version of Marxist theory developed by Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, and Herbert Marcuse, amongst others, implied a critique of patriarchal gender relations, their readings pointed out two major shortcomings within this tradition: a lack of attention to women’s subjectivity and agency and the failure to systematically integrate gender into their social analyses. From a contemporary feminist perspective, one might add that Critical Theory did not question the binary concept of sex, thus reproducing what today is recognized as an essential element of the bourgeois-hegemonic gender order. In her paper, Barbara will argue that while these criticisms mark important developments within Feminist-(post-)Marxist theory, contemporary feminist theory can benefit from a re-reading of certain key concepts within first generation Frankfurt School theory.

Barbara Umrath is a research associate at TH Köln and is currently working on a PhD project in Sociology dedicated to a re‐reading of Frankfurt School social theory from a contemporary Gender Studies perspective. She studied sociology, psychology and educational science at the University of Augsburg as well as at the New School for Social Research in New York.

Flora Eder

The Eclipse of Gender and Reason: Adorno and Horkheimer, Subject, and the Relation of Sex and Gender

Abstract In her paper Flora Eder will address the question, what Marxist Feminism can learn from the Critical Theory of Theodor W. Adorno and Max Horkheimer when it comes to the constitution of subject and individual. Focusing on three for the topical core texts by these authors – The Dialectics of EnlightenmentZu Subjekt und Objekt and Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie – Flora will show the two aspects of the author’s understanding of the meaning of the term subject: subject in the sense of the subordinated individual and subject in the sense of the perceptive individual. She will show how, in a critical continuation of Hegel, they develop a materialist meaning of subject, and how both these meanings of subject have different, but in a dialectical sense related, implications on the questions of the relation of sex, gender and epistemology. As she will argue, the work of Adorno and Horkheimer could be the theoretical base for a materialist-feminist epistemology – referring to Max Horkheimer’s Eclipse of Reason („Kritik der instrumentellen Vernunft“) Flora will develop outlines for a „Kritik der vergeschlechtlichten Vernunft“ – which could be translated as “Eclipse of Gender and Reason“.

Flora Eder is currently working on her dissertation at the University of Vienna on the topic “Adorno, Subject and the Relation of Sex and Gender“. From 2005 to 2012, she studied Political Science at the University of Vienna. Her research interests are Critical Theory, Feminist Theory and Oral History of Survivors of the Shoah as well as Foucault’s critique of welfare states and their benefits for homeless people. In 2016/17 she will continue her studies at the Humboldt University in Berlin.

Karin Stögner

„Race – Class – Gender“ – an Inclusive Concept? Or: What Has That Got to Do with Israel?

Abstract Intersectionality – probably one of the most important analytical concepts of the new left – focuses on the multidimensionality of oppression in modern societies and analyses how race/ethnicity, gender and class are interrelated. But intersectionality is not only an analytical concept but at the same time a political programme. This becomes evident e.g. in Angela Davis, an iconic figure of the Black Power Movement and of Black Feminism. In her work, she criticizes the tension between the universal and the particular as a triumph of white male supremacy over minorities that are ethnicized and connoted as non-male. However, her notion of intersectionality strikingly excludes Jews. They are not viewed as a minority with special interests that need to be protected, but rather as representatives of white supremacy. They are denied the right of peculiarity. Accordingly, also Zionism is not viewed as a national liberation movement but solely as one of the last bastions of imperialism and colonialism and the legal rights for LGBTQ persons in Israel on the ground of gender and sexuality in Israel as mere hypocrisy. Thereby, a thorough delegitimation of Israel takes place. In her presentation Karin Stögner will address these issues and analyse them against the background of Critical Theory. By means of immanent critique and determinate negation, Karin will ask whether intersectionality as a methodology can be rescued for a critical feminism that does not exclude the Jews.

Karin Stögner is currently a visiting professor for Critical Theory of Society at the Justus Liebig University Gießen; lecturer at the Department of Sociology at the University of Vienna, research assistant at the Institute for Conflict Studies; from 2009 to 2011 she was Marie Curie Fellow at the Central European University, Budapest; in 2013, visiting researcher at Lancaster University, UK; in 2014, visiting researcher at Georgetown University, Washington, D.C. Most recent book publication: Sexismus und Antisemitismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen (Nomos 2014)

Nira Yuval-Davis

Anti-fundamentalism, anti-racism and feminist politics

 

Abstract In meinem Beitrag werde ich die heikle Frage diskutieren, wie Feministinnen mit Themen der religiösen Fundamentalismen umgehen / können / sollten, insbesondere mit jenen unter rassifizierten Minderheiten. Ich werde kurz auf den Entstehenszusammenhang dieser Bewegungen und die unterschiedlichen feministischen Strategien des Umgangs mit ihnen eingehen. Allgemein gesprochen argumentiere ich, dass sie als Folge des sowohl weltweit als auch in Europa zu verzeichnenden Aufstiegs des populistischen Autoritarismus zu sehen sind und zwar als defensive Identitätsbewegungen und deshalb in Beziehung zu der umfassenderen Frage, wie sozialistische Feministinnen mit Anerkennungsbewegungen von Unterdrückten umgehen sollten.

Nira Yuval-Davis ist eine in der Diaspora lebende israelische Jüdin, Gründungsmitglied von Women against Fundamentalism und ehemalige Vorsitzende des Forschungskomitees 05 zu ‚Rassismus, Nationalismus und Ethnische Beziehungen‘ der Internationalen Soziologischen Vereinigung. Sie leitet das Forschungszentrum zu Migration, Refugees and Belonging (CMRB) an der University of East London. Zu ihren Büchern gehören: Woman-Nation-State (dt.: Geschlecht und Nation)1989, Warning Signs of Fundamentalisms, 2004, The Politics of Belonging: Intersectional Contestations, 2011, Women against Fundamentalism: Stories of Dissent and Solidarity, 2014 und das demnächst erscheinende Bordering (2017). Ihre Werke wurden in über zehn Sprachen übersetzt.

Nira Yuval-Davis

Anti-Fundamentalism, Anti-Racism and Feminist Politics

Abstract In this presentation I shall discuss the thorny question of how feminists do/can/should deal with issues of religious fundamentalisms especially those among racialized minorities. I shall briefly discuss the context for the rise of these movements and different feminist strategies to respond to them. Overall I argue that they should be seen as part of the global and European rise of populist authoritarianism as defensive identity movements and thus related to some wider issues of the ways socialist feminists should deal with recognition movements of the oppressed.

 

Nira Yuval-Davis is a diasporic Israeli Jew, a founder member of Women Against Fundamentalism and a former President of the International Sociological Association’s Research Committee 05 on ‘Racism, Nationalism and Ethnic Relations’. She is the Director of the Research Centre on Migration, Refugees and Belonging (CMRB) at the University of East London. Among her books are Woman-Nation-State, 1989, Warning Signs of Fundamentalisms, 2004, The Politics of Belonging: Intersectional Contestations, 2011, Women Against Fundamentalism: Stories of Dissent and Solidarity, 2014 and the forthcoming book Bordering (2017). Her works have been translated to more than ten languages.

Moderatorinnen/Chairs

Antje Géra (Hamburg) ist Philosophin und arbeitet als Lehrbeauftragte im Bereich politischer Philosophie und kritischer Theorie an der Leuphana Universität Lüneburg und dem Institut für Philosophie, Hildesheim. Sie promovierte zu einem philosophischen Begriff von Widerstand und forscht zu materialistischen Theorien von Ästhetik und Sprache. Sie ist Fellow-Sprecherin des Instituts für kritische Theorie Berlin, Mitorganisatorin des Rosa-Luxemburg-Salons Hamburg und Autorin des Stichworts „Melancholie“ im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus. Publikationen u.a. zur kritischen Theorie des Bildes „Zuviel! Zuviel! Oh, daß ich nun erwache“. Zum Programm des ,dialektischen Bildes’ Walter Benjamins, in: Anthropologischer Materialismus und Materialismus der Begegnung, Berlin 2014; Der Traum des armen Dummen. Überlegungen zur Bildlichkeit des Spektakels, in: Spektakel als ästhetische Kategorie. Theorien und Praktiken (im Erscheinen).

Antje Géra (Hamburg) is a philosopher working as a lecturer in the area of political philosophy and critical theory at the Leuphana University in Lüneburg and the Institute of Philosophy in Hildesheim. Her dissertation analysed a philosophical concept of resistance. At present she conducts research on materialist theories of aesthetics and language. She is a fellow speaker at the Institute for Critical Theory Berlin, co-organiser of the Rosa-Luxemburg Salon in Hamburg and author of the entry ‘Melancholy’ for the Historical-Critical Dictionary of Marxism. She has written on critical theories of the image “Zuviel! Zuviel! Oh, daß ich nun erwache“. Zum Programm des ‘dialektischen Bildes’ Walter Benjamins, in: Anthropologischer Materialismus und Materialismus der Begegnung, Berlin 2014; Der Traum des armen Dummen. Überlegungen zur Bildlichkeit des Spektakels, in: Spektakel als ästhetische Kategorie. Theorien und Praktiken (in progress)

Angela von Kampen (*1988) studierte Sonderpädagogik an der Universität Hamburg und Bildende Kunst an der HfbK Hamburg.

Angela von Kampen (*1988) wrote her master thesis in education for special needs at the University of Hamburg and studied fine arts at the HfbK Hamburg.

Carina Klugbauer studierte Politische Theorie an der Universität Frankfurt; Arbeitsfelder: marxistisch-feministische Theorie, Hausarbeitsdebatte, Care-Debatte.

Carina Klugbauer studied political theory at the University of Frankfurt; interests of work: Marxist-feminist theory, domestic labour debate, care debate.

Ruth May, Stadtplanerin, ist wissenschaftliche Leiterin der Feministischen Sektion des Instituts für kritische Theorie (InkriT) und Geschäftsführerin des InkriT. Forschungsschwerpunkte: Entwicklung von Stadt und Arbeit im 20. Jahrhundert; europäische Stadtentwicklung und Stadtgeschichte; vergleichende europäische Studien zu Stadterneuerungskonzepten aus feministischer Sicht; Formen der Aneignung städtischer Räume. Redakteurin der Zeitschrift Das Argument und Mitglied ihrer feministischen Redaktion, Mitglied in der Redaktion des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus. – Ausgewählte Publikationen: Planstadt Stalinstadt. Ein Grundriß der frühen DDR (1999); Inbesitznahme des Städtischen. In: Das Argument 303 (2013); Migrantinnen als Existenzgründerinnen (2013); Marktfrauen im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, Bd. 8/II (2015), „Wege des Marxismus-Feminismus“ (Hg. mit Frigga Haug), Das Argument Buch, 2015.

Ruth May is a city planner as well as the scientific head of the Feminist Section of the Institute for Critical Theory (InkriT) and its managing director. Her research focuses lie on the development of the city and labour in the 20th century; European urban development and urban history; comparative European studies on approaches to urban regeneration from a feminist point-of-view; ways of appropriation of urban spaces: member of the editorial staff of Das Argument magazine and member of its feminist editorial group; member of the editorial staff of the  Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus.

Selected publications: Planstadt Stalinstadt. Ein Grundriß der frühen DDR (1999); Inbesitznahme des Städtischen. In: Das Argument 303 (2013); Migrantinnen als Existenzgründerinnen (2013); Marktfrauen im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, vol. 8/II (2015), „Wege des Marxismus-Feminismus“ (ed. with Frigga Haug), Das Argument Buch, 2015.

Ines Schwerdtner (*1989) studierte Politische Theorie an der Goethe Universität Frankfurt; Gesamtkoordinatorin des ArgumentZeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften. Sie ist Mitglied der feministischen Sektion des InkriT.

Ines Schwerdtner (*1989) studied political theory at the Goethe University in Frankfurt. She is the coordinator of Das Argument, Journal for Philosophy and Social Sciences, and a member of the feminist section of the Institute for Critical Theory (InkriT).

Kulturprogramm – Cultural Programme

arge blumen

Cutting Edge, Fragment #3, Poltergeist

 

arge blumen – oder in anderen Worten die Wiener Version der „fleurs du mal” – ist eine künstlerische Arbeitsgemeinschaft, die aus der wiederholten performativen Zusammenarbeit von Monika Bauer und Eva Lepold erwachsen ist, die 2015 erstmals unter diesem Namen auftraten. Aus einem feministisch-gesellschaftskritischen Blickwinkel und ausgehend vom Butoh-Tanz entwickelten die arge blumen ihren eigenen Stil körper-theatraler Inszenierungen, der durch starke Intensität des körperlichen Ausdrucks, aktionistische Elemente sowie einen Bezug zu zeitgenössischen Themen gekennzeichnet ist. Sie waren zuletzt 2015 bei Mimamusch, den Frauenfilmtagen und 2016 beim One Billion Rising Vienna in den Tanzquartier Studios zu sehen. Mit Cutting Edge wagen sie sich an zeitrelevante Themen, interdisziplinär getaktetes Wechselspiel mit den Soundlandschaften, über Poesie, Verfremdung, Beklemmung bis hin zu grotesker Komik. Im Zuge der Internationalen Marxismus-Feminismus-Konferenz in Wien zeigen sie daraus Fragment #3, „Poltergeist“.

 

arge blumen – a Viennese dialect translation of “les fleurs du mal” – is an artistic work community (Arbeitsgemeinschaft, or ArGe for short) that has grown out of a long-term collaboration between Monika Bauer and Eva Lepold. Working from a feminist socio-critical perspective, Bauer and Lepold have developed a style characterized by elements of Butoh, intense physical expression, and involvement in contemporary issues.

At the Marxism-Feminism Conference, together with the sound designer Andreas Wiesbauer, they will perform Fragment #3, Poltergeist, from their latest work, Cutting Edge.

 

Aiko Kazuko Kurosaki, starsky

IN-VISIBLE-IN

Die Frau als Projektionsfläche männlicher Phantasmen ist in der westlichen Welt allgegenwärtig sichtbar, nicht so ihr Schaffen, ihre Arbeit, ihre Leistung. IN-VISIBLE-IN dreht an diesen klassischen Strukturen und stellt Frauen in Beziehung zueinander, wobei aus ihren Synergien Sicht- und Unsichtbarkeiten neu gedacht werden können. Hier projiziert eine Frau auf eine Frau, Licht-Wort-Fragmente treffen auf Bewegung und Material und bedingen einander. Die verwendeten Materialien Salz, Mehl und Textil, mit ihren weiblichen Klischees zugeordneten Eigenschaften – fragil, zart, vergänglich –, stehen jedoch zugleich für den durch das kapitalistisch-patriarchale System angehäuften und falsch verteilten Reichtum.

Diese eigens für die 2. internationale Marxismus-Feminismus-Konferenz 2016 in Wien von Aiko Kazuko Kurosaki und der Visualistin starsky erarbeitete Performance bedient sich gängiger Klischees und Muster, um sie aufzubrechen, zu dekonstruieren und emotionale und mehrschichtige Assoziationsräume zu evozieren.

Idee und Konzept: Aiko / starsky; Choreografie: Aiko Kazuko Kurosaki; Projections: starsky; Sound: Electric Indigo (angefragt); Tanz/Performance: Aiko Kazuko Kurosaki, Martha Laschkolnig; Monika Bauer, Eva Lepold; technische Leitung: Andrea Korosec.

Aiko Kazuko Kurosaki ist eine aus Japan stammende und in Wien lebende Tänzerin, Choreographin und Performerin. Solo- und Gruppenarbeiten bei zahlreichen Festivals im In – und Ausland. Schwerpunkte: sozial- und umweltkritische Projekte. Site-spezifische, interaktive und interventive Arbeiten im öffentlichen Raum. Performance/Flashmob in der UNO-City Wien zum Gedenktag für Hiroshima und Nagasaki gegen die Wiedereröffnung der Atomkraftwerke in Japan nach Fukushima. Ko-Initiatorin und künstlerische Leitung bei One Billion Rising Vienna – für ein Ende der Gewalt an Frauen und Mädchen seit 2013 vor dem Wiener Parlament.

Starsky (Julia Zdarsky) schafft bewegte Lichtbild-Installationen, Bühnenprojektionen, Live-Visuals und Großbild-Projektionen. Dabei verschmelzen Bild, Sprache, Kommunikation und Raum zu einem Gesamtkunstwerk, in dem plötzliche Erleuchtungen von kurzer Dauer im emotionalen Gedächtnis der BetrachterInnen erhalten bleiben. Auf diese Art ‚erleuchtet‘ hat sie u.a. das Museum of Islamic Art und den Palast des Emirs von Katar in Doha, das Rathaus, die Staatsoper, Universität, Hofburg, den Stephansdom, das Künstlerhaus und das Bundeskanzleramt in Wien. Es gibt nichts, was nicht von ihr in Farbe, Form, Wort und Licht getaucht werden könnte: Architektur, Struktur, Environment, Public Spaces.

Aiko Kazuko Kurosaki, starsky

IN-VISIBLE-IN

In the Western world, woman is omnipresent and visible everywhere as a projection space for male phantasms, quite in contrast to her work, her creating, her achievements. IN-VISIBLE-IN turns at these classical structures and puts women in relation to each other, with their synergies allowing us to think anew women’s visibilities and invisibilities. A woman is projecting onto another woman, fragments of light and word are hitting upon movement and material and are thus seen to be mutually dependent. The materials used, salt, flour and textiles – with their attributes of fragility, delicacy and ephemerality reflecting clichés of femininity – at the same time represent the wealth that has been accumulated and distributed unequally in the capitalist and patriarchal system.

This performance, especially produced for the 2nd International Marxism-Feminism-Conference 2016 in Vienna by Aiko Kazuko Kurosaki and visual artist starsky, uses common clichés and patterns in order to break and deconstruct them and to evoke emotional multi-layered spaces of association.

Idea and concept: Aiko / starsky; choreography: Aiko Kazuko Kurosaki; projections: starsky; sound: Electric Indigo (tbc); dance/performance: Aiko Kazuko Kurosaki, Martha Laschkolnig; Monika Bauer, Eva Lepold; technical director: Andrea Korosec.

Aiko Kazuko Kurosaki is a dancer, choreographer and performer born in Japan but living and working in Vienna. Solo and group performances at numerous festivals in Austria and abroad. Focuses on projects critical of society and the environment. Site-specific, interactive and intervention-based work in public spaces. Performance / flash-mob at the UN-Vienna headquarters for the anniversary of Hiroshima and Nagasaki against the re-opening of nuclear power-stations in Japan after Fukushima. Co-initiator and artistic director (since 2013) for One Billion Rising Vienna – Ending Violence against Women and Girls, an annual event taking place in front of the Austrian Parliament.

(starsky) Julia Zdarsky creates video-installations, stage projections, live-visuals and wide-screen projections with images, language, communication, and spaces melting into one artwerk, a synthesis of individual parts, in which sudden illuminations of short duration remain in the viewers’ emotional memory. She has projected on to the Museum of Islamic Art and the Palace of the Emir of Qatar in Doha, the City Hall, State Opera, University, Imperial Palace, St Stephen’s Cathedral, Künstlerhaus and the Austrian Prime Minister’s office, among others. There is nothing she could not dip into colour, form, word or light: architecture, structure, environment, public spaces.

4 thoughts on “Introduction – Abstracts – Cultural Programme —– Einleitung – Abstracts – Kulturprogramm

  1. Thank you very much for organizing this event, even if I’m not able to attend as I discovered it only few days ago..
    All matters and thesys are interesting to develop, I regrets not to be there and listen to or debate. Is it possible to have relations (I suppose that streaming registration is not provided) or do you think material will be published or something similar? Let me know, please, we are interested in our internal (Italy)mouvement debate. Thanks again and have a good and fruitful meeting!

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    1. There will be a book with a number of the presentations at the conference. The details are going to be posted here, but it will take a while. Thank you for your interest, nora

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